Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Geschrieben von Panthera   
Sonntag, 14. Januar 2018
Letzte Aktualisierung
Montag, 15. Januar 2018

Bücher und andere Texte / Bisexualität
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ItsColeslaw: Wie ich aufhörte, perfekt sein zu wollen

Hallo liebe Leserschaft,

vor einiger Zeit bin ich über ein Video der Youtuberin Lisa Sophie Laurent alias ItsColeslaw gestolpert, in dem sie mit einem gängigen Klischee (nämlich dass Bisexuelle zwangsläufig Sex mit einer Frau und einem Mann bräuchten, um glücklich zu sein) aufräumte und dabei gleichzeitig darüber sprach, dass sie selbst bisexuell ist. Ihre lockere und unverkrampfte Art über dieses Thema so offen und ehrlich zu sprechen, hat mich schon ganz schön beeindruckt. Aber wie das eben so ist, ein Video im Internet ist schnell gesehen, dann geht es schon zum nächsten und bald gerät es in Vergessenheit...

...bis ich eines Tages wieder einmal in der Buchhandlung meines Vertrauens unterwegs war. Eigentlich war ich auf der Suche nach Fachliteratur fürs Studium, es war schon recht spät und ich wollte so schnell wie möglich nach Hause. Auf meinem Weg hoch in den obersten Stock, wo sich die Lehrbücher befinden, musste ich allerdings an der Ecke mit den Jugendbüchern vorbei und da fiel mir plötzlich ein himmelblaues Büchlein auf mit einem Porträt, das mir merkwürdig bekannt vorkam. Normalerweise sind Jugendbücher nicht gerade das, was ich eigentlich lese, bin ich doch aus dem Alter eigentlich herausgewachsen (okay, sieht man einmal davon ab, dass ich mit meinen nun 26 Jahren die Harry-Potter-Romane von J.K. Rowling immer noch begeistert lese), aber ich war neugierig geworden und siehe da, ich erinnerte mich wieder an besagtes Video von damals. Tja, und dann? Las ich den Klappentext...und legte das Buch wieder hin, einen "Pubertätsratgeber" konnte ich nun wirklich nicht (mehr) gebrauchen. Und schließlich wollte ich doch ursprünglich zu den Fachbüchern.

Aber die Sache ließ mir doch keine richtige Ruhe und daheim angekommen rief ich noch einmal das eingangs erwähnte Video von damals auf, klickte mich durch ItsColeslaws Kanal und fand auch ein Video, in dem sie ihr Buch bewarb. Als sie dabei erwähnte, dass sie darin auch das Thema Bisexualität beleuchtete, wurde ich hellhörig und begann zu überlegen. Finanziell ließ mir mein Geldbeutel durchaus zu, einmal "ein Buch extra" zu kaufen. Als jemand, der selbst bisexuell ist hatte ich natürlich auch ein thematisches Interesse und ohnehin hatte ich gerade nichts anderes, was ich hätte lesen können.

"Also warum eigentlich nicht?", sprach's und machte mich am nächsten Tag noch einmal auf den Weg in den Buchladen, begann zu lesen...und konnte nicht wieder aufhören.

Worum geht's?

Lisa Sophie Laurent (alias ItsColeslaw) richtet sich in ihrem Buch Wie ich aufhörte, perfekt sein zu wollen. Ein Leitfaden zum Umgang mit peinlichen Situationen aller Art in erster Linie an ein jüngeres Publikum, das selbst gerade mitten in der Pubertät steckt. Wir alle kennen es wahrscheinlich noch aus eigener Erfahrung: eine merkwürdige Zeit. Der Körper macht auf einmal seltsame Veränderungen durch, plötzlich werden Dinge, für die man sich früher so gar nicht begeistern konnte, interessant und die Eltern fangen an, einfach nur zu nerven. Vor allem aber gibt es scheinbar plötzlich jede Menge Situationen zu meistern, die einem absolut oberpeinlich sind. Kurzum: ein verwirrender Ausnahmezustand, bei dem man sich manchmal gut und gerne eine Art Bedienungsanleitung zur Seite wünscht.
Mit Fug und Recht hätte man den Untertitel des Buches auch als "Wie ich die Pubertät erfolgreich überlebte" betiteln können.

Thematisch deckt die Autorin ein breites Spektrum an allen möglichen nur denkbaren peinlichen Situationen ab, verknüpft sie mit ihren eigenen biographischen Erfahrungen und gibt zahlreiche Tipps, wie sie selbst so manche Peinlichkeit überstand oder gar gestärkt aus einer unangenehmen Situation herausging. Sie schreibt über ihre erste Liebe, ihre Anfänge als Journalistin und darüber, wie sie die Schule meisterte. Auch ein eher schwieriges Thema schneidet sie auf sehr sensible und persönliche Weise an: Panikattacken, die wie aus dem Nichts auftauchten, ihr Leben zur Hölle machten und schließlich berichtet sie, wie sie es geschafft hat (auch mit professioneller Hilfe), mit diesen Panikattacken umzugehen.

Ein ganzes Kapitel widmet sie, und deshalb möchte ich dieses Buch hier dem geneigten Leser überhaupt erst vorstellen, wie zuvor schon erwähnt, dem Thema Bisexualität. Sie schreibt darüber, wie sie sich zum ersten Mal in ein anderes Mädchen verliebt hat und wie sie sich im Bezug auf ihre sexuelle Orientierung nicht mehr sicher war - bin ich nun hetero oder lesbisch?- und wie sie schließlich zu der Erkenntnis gelangte, dass es neben hetero und homo eben auch bi gibt. Sie berichtet von der Schwierigkeit, sich im Familien- und Freundeskreis zu outen und darüber, dass das Wort Bisexualität unter ihren Freundinnen allenfalls als der Allerweltsspruch "Ein bisschen bi schadet nie" existierte.

Abgerundet wird das Buch außerdem durch eine abschließende Zusammenstellung von allerhand hilfreichen Links und Telefonnummern rund um die Themen Seelenkummer, Selbsthilfegruppen und sexuelle Orientierung.

Wer kann es lesen?

Man merkt dem Buch natürlich an, dass es sich mit seiner Botschaft vor allem an ein jüngeres Publikum richtet. Die Sprache ist leicht verständlich, insgesamt lässt es sich einfach in einem Rutsch durchlesen. Ganz gut gefallen hat mir die Gestaltung der Schriftart. Textstellen, die mehr Ratgebercharakter haben sind blau hervorgehoben. Obwohl ich mit Mitte 20 sicher schon ein wenig zu alt für die Zielgruppe bin, habe ich mich beim Lesen keineswegs gelangweilt. So manche Situation kam mir seltsam vertraut vor, einige Missgeschicke passieren wohl jedem in seiner Jugend selbst.
Dennoch: wer schon einiges an Lebenserfahrung hat und sich im Hinblick auf seine sexuelle Orientierung längst sicher ist, wird hier kaum Neues erfahren. Für all diejenigen, die aber gerade noch ihre Sexualität selbst entdecken und sich unsicher sind, ist das Buch als hervorragender Einstieg in die Thematik geeignet. Obwohl das Thema Bisexualität nicht sonderlich detailliert behandelt wird und die Autorin immer nur an der Oberfläche kratzt, sind gerade die nützlichen Adressen am Ende des Buches hilfreich. Sehr gut würde sich das Buch meiner Ansicht nach vor allem in den Regalen von Schulbibliotheken machen.

Ist es empfehlenswert?

Unbedingt! Für Jugendliche auf jeden Fall. Junge Erwachsene werden an der einen oder anderen Stelle schmunzelnd an ihre eigene Pubertät erinnert werden. Für einen verregneten Nachmittag ist das Buch am besten geeignet. Am Ende wird man sich denken: Gott sei Dank, dass die Pubertät vorbei ist! Oder etwa doch nicht? War doch eigentlich gar nicht so schlimm...

Letzte Aktualisierung ( Montag, 15. Januar 2018 )  
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