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Samstag, 25. August 2007
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Mein Bi-sein

Ich denke, mein Bi-sein war schon immer da. Soweit ich mich erinnere, haben mich, lange bevor ich mich selbst als bisexuell bezeichnet hätte, Haut und Körper anderer Menschen ganz unabhängig von ihrem Geschlecht interessiert. Als heranwachsendes Kind gab es ein homosexuelles Experiment mit einem Freund, das aber eher in die Kategorie "Mutprobe" fiel. Eigentlich war Sexualität in diesem Alter noch nicht so richtig Thema, und ich würde es nicht als Start meiner Bisexualität bezeichnen. Ich "vergaß" dieses Ereignis auch für eine lange Zeit.

Auf dem Weg durch das Leben gab es zunächst genug in heterosexuellen Gefilden zu entdecken. Ich war ein bißchen ängstlich vor Sexualität (unsicher in allem, was persönliche Nähe bedeutet) und schiebe das ein bißchen auf mein eher verklemmtes familiäres Umfeld, das mir nicht aus meiner eigenen Unsicherheit im Kontakt mit Menschen heraus helfen konnte. Über ein Mal Petting mit 16 bin ich bis zu meinem 20ten Lebensjahr nicht hinaus gekommen. Dann erst, mit 19, schlief ich zum ersten Mal mit einer Frau - was, wie ich persönlich finde, nicht zu spät war, wenn auch später als der berühmte Durchschnitt.

Mein Umfeld und meine Welt waren Heterosexuell, also war ich es auch. Ich hatte nicht das Gefühl, etwas zu vermissen. Im Laufe der Jahre waren es wohl die persönliche Entwicklung, das in Frage stellen gesellschaftlicher Strukturen und das Erweitern der eigenen Horizonte in ganz unterschiedliche Richtungen, die mich dazu brachten, vieles bisher hingenommene nun zu hinterfragen.
Mit der wachsenden Aufgeschlossenheit gegenüber allen möglichen Dingen wuchs auch langsam das echte Gefühl meiner Bisexualität - zunächst nur in Form von Wünschen und Phantasien. Das begann wohl mit etwa 25 Jahren. Von Experimenten hielt mich aber immer meine eigene moralische Grenze in Bezug auf den Vertrauensbruch gegenüber meiner Partnerin ab. Die Beziehung war mir wichtiger als das Experiment mit einem Mann. Zudem hatte ich Schwierigkeiten, in meiner Beziehung alle Wünsche offen auszusprechen - ob erfüllbar oder nicht, also ganz unabhängig von dem homosexuellen Teil in mir.

Das Internet war und ist eine wunderbare Möglichkeit, sich mit der Bisexualität gefahrlos auseinanderzusetzen - gefahrlos in Bezug auf einen möglichen Vertrauensbruch in Form eines Seitensprungs. Ich konnte mich mit meiner Bisexualität beschäftigten, ohne körperlich fremdzugehen. Meine persönlich gezogene Grenze wurde nicht durch Gedanken, Phantasien, Wünsche oder den Austausch dieser im Internet überschritten. Nach einigen Jahren, im Alter von 33 Jahren, habe ich es dann aber doch gewagt und einen Mann kennengelernt, mit dem ich schließlich auch einmal intim wurde. Da ich hier aber diese eigene moralische Grenze überschritt, klang das Echo dieses Erlebnisses nicht gut nach. Es fühlte sich nicht richtig an.

Nichtsdestotrotz war die Zeit, in der es passierte, diejenige, in der generell eine neue Entwicklung für mich begann. In vielen Bereichen meines Lebens hatte ich eine bereits entwickelte innere Freiheit und mein eigentliches Wesen nicht an die Oberfläche dringen lassen. Was die Menschen sahen, war in vielen Teilen nicht echt, sondern zurückhaltend, was die eigenen Bedürfnisse anging, und entgegenkommend, was die Erwartungen anderer anging. Eine gute Beobachterin brachte es auf den Punkt, und nannte mich "Everybody's Darling". Eine Freundin nannte mich profillos, ohne Ecken und Kanten, an denen man sich stoßen kann. Ich war entsetzt und stritt es ab, erkannte aber später die Wahrheit ihrer Worte.

Seit einigen Jahren sind meine bisexuellen Wünsche und Erfahrungen kein striktes Geheimnis mehr. Ich hänge es zwar niemals an die große Glocke, aber manchmal fließt in Gespräche einfach eine meiner bisexuellen Erfahrungen mit ein. Das passiert meist automatisch, ohne Angst, ohne Zwang. Es erscheint dann ganz normal als Teil meines Lebens und als Teil dieser Gesellschaft. So haben ein paar Freunde von meiner Bisexualität erfahren, und so hat auch die Mutter meines Sohnes davon erfahren und es einfach so zur Kenntnis genommen. Wir leben zwar seit über 5 Jahren getrennt, sind aber zum Teil noch recht familiär verbunden. Eine andere Frau, die ich aus tiefstem Herzen liebe, weiß von meiner Bisexualität, und sie war sehr überrascht - positiv, da sie es für eine wichtige Erfahrung in meinem Lebens hält. Sie erfuhr davon während unserer Liebesbeziehung, die mittlerweile von einer recht ungewöhnlichen Freundschaft abgelöst wurde. Eine andere Frau, mit der ich ebenfalls in Beziehung gewesen bin, die ich auch heute noch gern habe und mit der ich auch manchmal noch das Kopfkissen teile, war sehr neugierig auf meine Erfahrungen, als sie zu Beginn unserer Beziehung davon erfuhr.

Meine Bisexualität wurde also in Beziehungen nicht negativ aufgenommen. Für mich selbst ist es wichtig, die Phantasien zu haben und sie auch zu erklären. Allerdings war ich nie in einer "offenen" Beziehung, in der das Erleben beider Seiten möglich gewesen wäre. Die beiden Frauen, die es in der jeweiligen Beziehung von mir erfahren hatten, waren sich sicher, daß ich während der Beziehung keinen Sex mit Männern habe. Heute entgehe ich dieser Einschränkung, indem ich Beziehung für mich anders definiere - obgleich ich diesen Schritt nicht bewußt wegen meiner Bisexualität vollzogen habe. Ich fühle mich in mehreren Beziehungen zu unterschiedlichen Menschen. Ich liebe eine Frau, mit der eine "herkömmliche" Liebesbeziehung schwierig bis unmöglich wäre. Ich bin befreundet mit einer anderen, sehr lieben Person, mit der ich manchmal auch mehr habe. Ich bin in einer anderen Form von Beziehung zu der Mutter meines Sohnes, habe natürlich auch eine liebevolle Beziehung zu meinem Kind selbst. Und in meinem Leben gibt es weitere Beziehungsarten und noch Raum für weitere Beziehungen, sicher auch zu Männern. Aber niemandem möchte ich heute einen exklusiven Zugriff auf mich gewähren. Ich denke, jede dieser Beziehungen, die ich als solche bezeichne, hat mit einer Form von Liebe zu tun. Vielleicht ist es das, was man polyamor nennt? Ich kann lieben und mich lieben lassen - auch wenn mir (wie mit 19) manchmal immer noch der Mut fehlt, einen einzelnen Schritt vom Wunsch zur Wirklichkeit zu tun.

Besucher   |28.08.2007; 01:20:06
Endlich hat mal jemand ein sehr gutes Beispiel (und auch in so einer schönen Art) über die Formen von Liebe beschrieben, wie ich es versuchte, in den Jahren anderen hier und da mal rüber zubringen. Ok, ich verstehe es, was du meinst - ob andere es dann auch so ganz verstehen? *seufz*
Ich denke, man kann es einfach nur fühlen, denn Vergleiche ziehen stößt bei den Menschen immer auf Für und Wider.

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