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Montag, 1. August 2011
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Bonusmeilen / Frauen
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Wo die Vielfalt ihren Weg findet

Liebe ist Liebe, sage ich heute. In meinem Herzen ist es angekommen. Aber Vieles fühlt sich noch hart an.

Als ich 9 war, fragte mich ein stabiler Junge, ob ich mit ihm gehen wollte. Ich sagte ja. Wir saßen gemeinsam auf einem Sessel bei einem Actionfilm, hielten Händchen und aßen Tictacs.

Es war für mich die Zeit der Vorpubertät. Langsam aber sicher wurden meine Eltern schwierig.

Als ich mit 11 meine Regel bekam, waren meine Eltern entsetzt. Ich wußte nicht, worüber sie sich stritten. Ich hörte nur Worte wie "Sie wird einmal genau so schwierig wie deine Nichte. Warum jetzt schon? Womit habe ich das verdient?" Was das bedeutete, wußte ich damals noch nicht. Ich wußte nicht, was ich habe und vor allen Dingen nicht, was ich damit falsch gemacht habe.

Meine ersten "Begegnungen" mit der Pubertät sind von Scham gekennzeichnet. Auf meine Eltern konnte ich in Jugendfragen nicht wirklich zählen. Meine Mutter ging zu konservativ damit um, mein Vater zu locker. Die Kombination finde ich im Nachhinein ziemlich witzig, vor allem, wenn ich bedenke, wie wichtig es mir geworden ist, Jugendliche zum offenen Umgang mit Sexualität erziehen zu wollen oder die Liebe zu thematisieren.

Um mich von meinen Eltern zu distanzieren, führte ich heimlich eine Beziehug nach der anderen mit irgendwelchen Jungs, die ich irgendwo aufgelesen hatte. Von meinem 11. bis zu meinem 21. Lebensjahr verging kein Vierteljahr, ohne daß ich in einer Beziehung mit irgendjemandem steckte.

Mit 15/16 fand ich meine erste richtige männliche Liebe. Er war der erste Mann mit dem ich schlief. Die Beziehung mit ihm war schön. Der Sex mit ihm gefiel mir nicht, erfüllte mich nicht. Irgendwas war da nicht kompatibel. Während der Beziehung änderte sich langsam mein Männerbild: ich fand normalgebaute Männer, wie ihn, nicht mehr attraktiv. Männer mußten einen femininen/schlanken/schlaksigen Körperbau haben, damit ich sie attraktiv finden und mich bei ihnen fallen lassen konnte. Da lag der Knackpunkt. Zudem entdeckte ich mein Interesse an Frauen, das immer interessanter für mich wurde.

Die Beziehung ging irgendwann auseinander (Beziehung = 1 ¼ Jahre). Erst dachte ich, daß Frauen mir gefielen wie Bilder. Ich empfand sie als ästhetisch... betrachtete sie gerne als seien sie Kunst. Ende 16 verliebte ich mich zum ersten Mal in ein Mädchen. Sie war dunkelhaarig, feminin und für eine Frau eher schlaksig. Sie hat die schönsten Rehaugen, die ich je gesehn habe. Wir waren nie zusammen, waren aber lange befreundet und kennen uns bis heute. Sie ist bis heute meine große, weibliche Liebe.

Mit 17 lernte ich eine andere Frau in einem Online- Forum kennen. Sie war ebenfalls für eine Frau eher schlaksig, vom Typ Queer, hatte kurze lila-schwarz gefärbte Haare und grün-gelbe Augen. Ich habe noch nie solche Augen gesehen. Unser Kontakt wurde enger, irgendwann nannte sie mich "mein Herz". Wir lernten uns kennen und kamen zusammen. Ich genoss die Zeit mit ihr. Aber ich glaube nicht, daß sie mein Typ war oder ich in sie verliebt. Trotzdem ließ ich sie emotional so nah an mich heran, wie noch keinen anderen Menschen. Nach 3 Monaten wurde sie immer kälter. Sie wurde herrisch und zeigte mir oft die kalte Schulter. Unsere Zeit vergeudeten wir mit materiellen Dingen. Sie schenkte mir was, wir guckten fern, fuhren irgendwo hin oder hatten Sex. Zu reden gab es nicht viel. Sie sprach mit mir nicht darüber, was sie störte. Sie wußte, daß ich weinte. Irgendwann tat mir dieses Spiel zu weh. Ich war wie ein verletztes Kind. Ich ging einfach. Ich kam nicht mehr zurück. Ich meldete mich einfach nicht mehr bei ihr, um zu heilen. Ich tat als hätte es sie nie gegeben und mir wurde bei diesem Gedanken schlecht. Es gab sie! Es hat mich noch nie ein Mensch so tief erreichen können, wie sie. Es war noch nie eine Beziehung so intensiv wie mit einer Frau. Es hat mich noch nie ein Mensch so tief verletzen können, wie sie und die Punkte treffen, die mich ausmachen.(Beziehung = 4 Monate)

Ich habe bis heute keine Beziehung mehr mit einer Frau geführt, weil ich weiß, wie tief sie mich verletzen kann. Es hatte was von Eisnadelstichen. Viele Jahre litten plateaunische Freundschaften zu Frauen unter dieser Erfahrung. Ich habe mich für über zwei Jahre verschlossen, weil ich sowas nicht nochmal erleben wollte.

Seit dieser Beziehung nenne ich mich bisexuell. Als ich mich bei meinen Eltern geoutet hatte, erntete ich von meiner Mutter nur Hass gegenüber diesem Thema. Sie will nicht darüber reden, es war eh nur eine Phase. Das Thema wird mit Ignoranz abgetan. Mein Vater reagierte locker. Ihm erzählte ich es nach einer alkohollastigen Party. ;)

Mit 19 fand ich die männliche Liebe, die ich heiraten wollte. Ich schlief nicht mit ihm. Es ergab sich nicht. Mit 20 fand ich nochmal einen Mann. Diesmal war das Körperliche ziemlich kompatibel. :) Diese beiden Beziehungen gingen mit der Zeit auch auseinander. (Beziehungen = 1 Jahr plus)

Ich vergaß die Zeit mit meiner Exfreundin und schob sie davon. Dazwischen waren ein paar Küsse mit beiden Geschlechtern.

Ich wußte nicht, woran es lag, daß meine Beziehungen scheiterten. War ich nicht beziehungsfähig? Verliebte ich mich zu schnell? Ich hatte immer das Gefühl, daß die Beziehung, die ich gerade führte, nicht alles gewesen sein kann. Ob es daran lag, daß meine PartnerInnen nicht zu mir passten und mich nie GANZ verstanden? Oder weil ich mich als sehr spirituell empfinde und sie durchweg atheistische Einstellungen vertraten? Oder eben weil ich mich als bisexuell empfinde? Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall glaube ich, daß ich ein sehr treuer und liebevoller Mensch bin. Ich bin eben nur vielseitig. Und diese Eigenschaft konnte noch keine Person abdecken!

Diese Zeit mit den vielen Beziehungen etc. gehört zu mir. Ich bin nicht sonderlich stolz auf sie, aber ich verleugne sie auch nicht.

Mit 21 entschied ich mich, bewußt single zu bleiben, bis ich die richtige Person gefunden habe. Das wird wahrscheinlich ein Mann sein. Mit den Frauen schließe ich langsam wieder meinen Frieden und seit kurzem lebe ich mein Bi-Sein auch an meiner zum Teil sehr konservativen religiös geprägten Hochschule.

Das schönste Ereignis war für mich vorgestern der CSD in Stuttgart. Ich hab schon lange nicht mehr so viel Bi-Pride gefühlt wie dort und meine konservativen KommilitonInnen wußten Bescheid. "Wie kannst du das als Christin vertreten?, fragten mich 3 eher evangelikal/fundamentalistisch geprägte Personen. Andere fanden es wiederrum toll, daß ich mich engagiere.

Das ist mein "persönlicher Kampf" an meiner Hochschule. Die Frage nach dem "Darf ich so sein?" Und die Antwort darauf: "Ja, ich darf so sein! Ich bin so wunderbar gemacht und das ist mein Platz in der Welt."

Meiner Familie erzählte ich ebenfalls vom CSD. Es war mir ein Spaß, es meiner Mutter zu erzählen. Sie wird es wohl niemals verstehen.

Mit all diesen unterschiedlichen Meinungen habe ich kein Problem, auch, wenn sie mir öfter weh getan haben. Ich lebe mich langsam. Wohl erst recht auch, weil ich so viel angestoßen bin und an Punkten war, an denen ich mich entscheiden mußte. Ich halte die Augen offen nach dem, was mir begegnet, erst recht, wenn es neu ist, und bin froh, wenn ich mich spüre zwischen all den anderen Meinungen und Ansichten. Es ist die Vielfalt, die ich liebe und das Spiel zwischen lieb und brav sein vs. verrückt und unkonventionell.

Mac   |01.08.2011; 16:53:39
Mac überprüft die User auf Fakes.
Partner_innen
Vielen Dank für die schöne Bonusmeile. Ich hoffe, es gibt irgendwann mal eine Fortsetzung.

Bye Mac
Fen   |01.08.2011; 19:59:59
 
Fake- Check: 2 FV LLL'ler haben Fen  als echten User eingestuft.
 
Danke für diesen Einblick in deine Geschichte.
Myri   |02.08.2011; 00:46:36
Myri überprüft die User auf Fakes.
Partner_innen
Danke dir für die lebhafte Schilderung deiner bewegten Bonusmeile .
Besonders schön finde ich den Satz "Ich lebe mich langsam."
Besucher   |17.11.2012; 15:03:49
Hey, voll schön geschrieben.
Vor allem dies hat mich sehr bewegt: "Auf jeden Fall glaube ich, daß ich ein sehr treuer und liebevoller Mensch bin. Ich bin eben nur vielseitig. Und diese Eigenschaft konnte noch keine Person abdecken!".

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