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Samstag, 12. Mai 2018

Bonusmeilen / Frauen
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Wer bin ich? - Wer? Bi? Ich?

Hallo zusammen,
ich bin 17, in einem Monat 18 Jahre alt und seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, ob ich vielleicht bi sein könnte. Ich denke, um das ganze Wirrwarr meines (Liebes-)Lebens zu erklären, fange ich am besten ganz vorne an. Also, vielleicht hört sich das ein wenig überraschend an, aber meine ersten sexuellen Erfahrungen habe ich in der Grundschule gemacht. Ich hatte damals eine beste und eine weitere sehr enge Freundin, mit denen ich immer wieder eine Art Rollenspiel gespielt habe. Ich war damals meistens der Mann/Prinz etc. und das Ganze ging über Küssen bis hin zum gegenseitigen Streicheln und Aneinander-Reiben. Damals habe ich auch meinen ersten Orgasmus erlebt.

Danach war erstmal Flaute bis ich mich mit 12 Jahren heftig in einen drei Jahre älteren Jungen verliebt habe. Diese Schwärmerei hielt zwei ganze Jahre an, führte aber nie zu mehr. Obwohl ich meine Tage schon mit 11 Jahren bekommen und schnell frauliche Formen entwickelt habe, habe ich dann mit 14/15 Jahren meine körperliche und sexuelle Entwicklung erstmal auf Eis gelegt, denn ich bin Hals über Kopf in eine Magersucht hineingerasselt. Ich habe mich soweit hinuntergehungert, dass ich im Krankenhaus gelandet bin und erst nach fünf Wochen dort und danach nochmal elf Wochen in der Psychiatrischen Klinik wieder nach Hause durfte. Seit diesem Zeitpunkt bin ich in ambulanter Psychotherapie.
Während meiner Zeit in der Klinik fand ich Anschluss an eine Mädchengruppe, in der entgegen meiner bisherigen Erfahrungen in Mädchenfreundschaften (die „Spiele“ in der Grundschule einmal ausgenommen) ein ständiger Körperkontakt und Austausch an Zärtlichkeiten herrschte. Ich empfand das damals als sehr angenehm und fühlte mich das erste Mal richtig angenommen. Besonders zwei Mädchen, die beide ein knappes Jahr älter waren als ich, nahmen sich meiner an und wurden so etwas wie meine Mentorinnen. Bei ihnen fühlte ich mich beschützt und behütet.
Nachdem ich ungefähr ein halbes Jahr wieder zu Hause war, ging meine Klasse Ende der 10. Klasse auf Klassenfahrt nach Berlin. Ich hatte mich in der 8. Klasse mit einem Mädchen angefreundet, mit dem ich bisher kaum in Berührung gekommen war. Doch wir verstanden uns wider Erwarten immer besser und unsere Freundschaft wurde richtig eng, als ich aus der Klinik zurückkam. Dieses Mädchen ist eine nach außen sehr sicher wirkende Persönlichkeit, die ihre eigenen Probleme nur nicht zeigt (aber davon später mehr). Fasziniert von dieser Sicherheit und von der Clique der „coolen Kids“, zu der sie gehörte, „hängte“ ich mich sehr an diese Freundin und machte ihr zu ihrem 16. Geburtstag ein sehr aufwendiges und liebevoll gestaltetes Geschenk. All dies führte dazu, dass sie sich von mir eingeengt fühlte und mir in Berlin sehr deutlich signalisierte, dass sie mich zwar gern habe, aber ihre Freiheit wollte. Ich musste das erstmal verdauen, konnte es aber letztendlich annehmen. In diesem Zusammenhang erzählte sie mir zum ersten Mal, dass sie und ihre Freunde den Verdacht hätten, ich sei in sie verliebt – was nicht stimmte. Das ironische an dieser Situation ist nun, dass sich genau diese Freundin vor ungefähr einem halben Jahr nach einer schwierigen Zeit der Identitätssuche mir gegenüber als lesbisch geoutet hat.

Nach einer Zeit, in der unsere Freundschaft reibungslos verlief, kam es vergangenen Oktober auf unserer Studienfahrt in Rom zu einer Wiederholung der Situation in Berlin – die Freundin fühlte sich von mir erneut eingeengt. Für mich war das damals nur schwer zu akzeptieren, auch wenn ich jetzt im Nachhinein sehen kann, dass ich wirklich zu sehr „geklammert“ habe. Aber nach einiger Zeit der Funkstille ist unser Verhältnis heute so eng und entspannt wie noch nie – auch weil ich inzwischen selbst mehr Selbstsicherheit besitze.
Während des 18. Geburtstags meines Kumpels fiel dann der Satz, der meine ganze Tirade hier letztlich auslöste. Besagte Freundin, ich und noch ein gemeinsamer Freund – wir saßen zusammen und redeten. Auf mein Statement hin, dass ich bisher noch nie in einer Beziehung war und noch nicht einmal geküsst hatte (bis auf die „Spiele“ in der Grundschule, aber die zählen meiner Meinung nicht, und die Avancen eines schon etwas angetrunkenen Tanzpartners in der Disco, die ich aber aus einem Impuls heraus abwies), dass er sich mich sowohl mit Männern als auch Frauen vorstellen könne. Ja und seitdem ging mir dieser Satz nicht mehr aus dem Kopf. Ich kann beherzt sagen, dass ich mich von Männern angezogen fühle – es sind die Frauen, bei denen ich mir unsicher bin. Ich habe definitiv eine Sensibilität für weibliche Körper (wahrscheinlich auch wegen meiner Magersucht) und finde sehr viele Frauen anziehend. Nachdem ich mich auf diesen Gedanken eingelassen habe, habe ich sogar sexuelle Fantasien mit konkreten Frauen entwickelt und habe festgestellt, dass ich ein totales Faible für Frauen mit muskulösen Waden habe. Außerdem wurde mir bewusst, dass ich einen ganz bestimmten Typ Frau attraktiv finde. Es sind sehr starke Frauen, gegenüber denen ich die „Zarte“ sein kann. Deswegen frage ich mich, ob ich nur eine beste Freundin suche – die ich nach der Grundschule nie mehr hatte, weil meine damalige beste Freundin wegzog – und die Art von ungezwungenen Zärtlichkeiten, die gute Freundinnen so oft austauschen, die ich aber in meinen Mädchenfreundschaften nur sehr selten hatte oder ob da „mehr“ ist. Ich muss dazu sagen, dass LGBT in meinem Bekanntenkreis keine Seltenheit ist, ich also nicht mit Ablehnung zu rechnen hätte.
Mit dieser Frage im Hinterkopf erwischte ich mich vergangene Woche dabei, wie ich auf Pinterest plötzlich nach „Bisexualität“ suchte. Und siehe da, was ich dort und auch auf einschlägigen Seiten im Internet las, fühlte sich irgendwie einfach richtig an. In einem Anflug von Übermut lackierte ich mir sogar die Fingernägel in den Farben der Bi-Flagge und fühlte mich dabei so gut wie lange nicht mehr. Vorgestern Abend erzählte ich dann meiner Mutter von meinen Gedanken. Auch wenn sie vorgab meine Verwirrung zu verstehen, konnte ich hinter ihren Worten doch die typischen Vorurteile heraushören: „Wie willst du das ohne sexuelle Erfahrungen wissen?“ und „Das ist doch nur eine Phase!“.

Natürlich frage ich mich, ob ich wirklich ohne sexuelle Erfahrungen wissen kann, ob ich bi bin. Aber irgendwie sagt ein leises Stimmchen in meinem Kopf „Ja“. Und warum sollte ich sonst so eine starke Abneigung gegen diesen Satz „Es ist nur eine Phase!“ empfinden...Also nahm ich heute all meinen Mut zusammen und schilderte meine Situation genau dieser lesbischen Freundin, von der ich bereits erzählte. Ihre Antwort: „Klingt blöd, aber ich habe es mir schon fast gedacht…Und es ist ja auch absolut nicht schlimm, dass du darüber vielleicht echt mega verwirrt bist. ich meine, wir bekommen ja von Kind auf das typische Rollen- und Familienbild gezeigt. Sieh es doch mal so rum: Wer sagt denn, dass du ohne sexuelle Erfahrungen behaupten kannst, du seist 100% hetero. Ich glaube es kommt ja immer auf den Menschen an. Und ich finde es cool, dass du das zulässt und mit mir da jetzt einfach drüber schreibst. Und dass du dich dabei wohl fühlst oder zumindest si wie du selbst. Geh deinen Weg, probier es aus. Und ich werde dir gerne bei Seite stehen!“
Ich glaube dieser Text von ihr ist ein ganz gutes Schlusswort. Ich werde ihrem Rat folgen und einfach mal alle „Überzeugungen“ in den Wind schießen. Ma sehen was so passiert – ich werde euch auf dem Laufenden halten.

Eure Elena

EinzigEine   |04.05.2015; 19:15:42
 
EinzigEine überprüft die User auf Fakes.
 
Hallo Elena,

willkommen bei LLL und schön, dass du hergefunden hast.

Nach deiner Schilderung würde ich schon sagen, dass du bisexuell bist und offensichtlich nicht wirklich Probleme damit hast, obwohl es dich verwirrt. Aber das finde ich nicht schlimm, denn dein Umfeld scheint tolerant zu sein und richtig klasse finde ich die Reaktion deiner Freundin. Dem, was sie dir gesagt oder geschrieben hast, ist nichts hinzu zu fügen!

Du bist jung, dir steht die Welt offen und du darfst so leben und lieben wie du es möchtest.

Viele Grüße
EinzigEine

P. S.
Füge bitte beim nächsten Mal ein paar Absätze ein, das erleichtert das Lesen.
Besucher   |05.05.2015; 16:10:44
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Hallo EinzigEine,

vielen Dank für deinen lieben Willkommensgruß und Kommentar. Dein Zuspruch hat mich noch einmal darin bestärkt, einfach meinen Gefühlen zu folgen.
Mit meiner Freundin treffe ich mich übrigens am Freitag zum Regenbogentorte backen, was ja jetzt zu uns beiden passt.

LG Elena
Besucher   |05.05.2015; 16:12:28
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Ach ja und das mir den Absätzen ist leider ein bisschen schief gegangen, weil ich nicht verstanden hatte, dass man diese extra einfügen muss. Aber glaub' mir, beim nächsten Mal passiert mir das nicht mehr.
SzN58  - Geh Deinen Weg!   |07.05.2015; 06:46:49
 
Fake- Check: 1 FV LLL'ler hat SzN58  als echten User eingestuft.
 
Liebe Elena,

schön, Dein aufrichtiger Bericht. Geh Deinen Weg. Lass Dich nicht irritieren werden von Homophobie noch von der von mir oft erlebte Biphobie in der homosexuellen Welt. Es lohnt sich. Ich habe meine Bisexualität stets als Bereicherung erlebt. So steht Dir nicht nur ein Geschlecht, sondern die ganze Welt offen.

Viel Glück auf Deiner Suche

lieber Gruß

Sabine
raganello   |11.07.2015; 23:49:49
 
Fake- Check: 1 FV LLL'ler hat raganello  als echten User eingestuft.
 
Weltklasse, und das schon mit 17.

Es ist meines Erachtens wirklich schwierig festzustellen, ob man bi ist oder nicht.

Es ist schwierig ,da eine Lösung zu finden . Woher weißt Du, dass Du mit Männern überhaupt nichts anfangen kannst?

Aber Du hast etwas, was viele nicht haben. Die Bereitschaft in sich selber hinein zu horchen.

Aber wenn Du, oder jemand anderes weiss, wie man das herausfindet, ohne die Erfahrungen zu machen, könnt ihr mir ja Bescheid geben.
Wildflower   |04.08.2015; 19:08:28
 
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Hallo liebe Elena,

ich habe gerade deinen Text gelesen,bin selbst noch ganz neu hier im Forum

Mir ging es mit 17 ganz ähnlich wie dir - ich war mir sicher, dass ich bisexuell bin, obwohl ich mit Liebe und Sexualität noch keine/kaum Erfahrungen gemacht hatte.
Und das hat sich später auch bestätigt

Ich denke, das Wissen darum muss nicht unbedingt mit tatsächlichen Erfahrungen zu tun haben. Wenn es für dich innerlich stimmt, finde ich das erstmal am Wichtigsten. Und alles andere kannst du ja einfach ausprobieren.
Ansonsten finde ich auch, dass Deine Freundin es ganz gut zusammen gefasst hat

Liebe Grüße,
Wildflower
Besucher   |11.08.2015; 13:16:26
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Hallo zusammen,

erstmal noch vielen Dank für eure lieben Kommentare, Sabine, raganello und Wildflower, ich habe sie leider gerade erst gelesen, weil ich im Moment ziemlich viel auf Achse bin. Ich werde nämlich in zwei Wochen einen Internationalen Jugend Freiwilligendenst im Elsass beginnen und bin deshalb auf zwei Vorbereitungsseminaren gewesen.
Ich habe dort viele Erfahrungen gemacht, unter anderem, die, das erste Mal mit einem Jungen rumzuknutschen. Leider meinte er hinterher, aus seiner Sicht wäre das Ganze ein Fehler gewesen, was mich noch mehr in Verwirrung und Gefühlschaos stürzte als das Geknutsche an sich schon.
Denn vor den Seminaren hatte ich angefangen, Gefühle für zwei Freundinnen zu entwickeln und daher bevor das mit dem Rumknutschen passiert ist, auch das Gefühl mich im Moment nach einem Mädchen zu sehnen. Ich hatte es an diesem Tag auch nicht darauf angelegt, mit ihm zu flirten, sondern eher das Gefühl es wäre ein freundschaftliches Necken zwischen uns. Auch das Rumknutschen an sich fand ich gar nicht so toll, ich glaube es war mehr das Gefühl für jemanden attraktiv genug zu sein und diese Erfahrung das erste Mal zu machen, die mich mitmachen ließ. Währenddessen hatte ich sogar das Gefühl ich würde mir von außen zusehen und mich selbst gar nicht wiedererkennen.
Wir hatten uns dann auch erst ganz freundschaftlich darauf geeinigt, dass das Ganze eine einmalige Sache war. Aber dann hat er halt abends im Club angefangen, mir vorzuwerfen, ich würde ihm nachlaufen. Das stimmte auch, aber nicht weil ich etwa Gefühlt für ihn entwickelt hatte, sondern weil in seiner Nähe erstens die "Partypeoplez" waren, mit denen abfeiern einfach am meisten Spaß macht, und zweitens auch weil ich annahm, dass "freundschaftlich" eine richtige Freundschaft bedeutete. Diese hatte ich mir mit ihm eigentlich auch gewünscht, weil ich ihn als Kumpel super finde. Aber offenbar konnte er mit mir nicht so umgehen wie mit dem Rest unserer Gruppe, er mied zum Beispiel jede Berührung mit mir. Ich weiß nicht ob das daher kam, dass er dachte, ich wolle viel mit ihm zusammen machen, weil ich Gefühle für ihn hätte. Irgendwie konnte ich ihm das aber auch nicht so richtig vermitteln und letztendlich einigten wir uns darauf, Abstand zu halten.
Ich bereue wirklich nicht die Erfahrung an sich, sondern nur wie sich das Ganze danach entwickelt hat. Aber wiederum ist es jemand anderes, der ein besseres Schlusswort gefunden hat als ich, deshalb hier der Wortlaut des Abschiedsbriefes von besagtem Jungen an mich: "Natürlich haben wir uns nicht grundlos an dem einen Abend geküsst, es hatte jedoch unterschiedliche Motive. Ich fand deine Ansichten, deine Geschichte, deine Sportlichkeit und Art, mit der du auftrittst interessant. Jedoch, musste ich feststellen, dass das nicht ist, was ich brauche und gerade will. Ich hoffe, dass du dir das nicht zu sehr zu Herzen genommen hast und vielleicht sogar deinen Nutzen daraus ziehen konntest. Ich wünsche dir wirklich alles Gute für deine Zukunft und dass du viele Erfahrungen machen kannst, die hoffentlich auch größtenteils positiv sind!"
Ich denke, genau das werde ich in den nächsten zehn Monaten in Frankreich auch tun und euch natürlich wieder daran teilhaben lassen
Eure Elena
Lexa   |07.09.2015; 21:40:58
 
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Hallo Elena,

also die Erfahrungen ob mit 17 oder bei mir jetzt mit 31 sind doch auch immer wieder aufwühlend.

Ich finde es überhaupt nicht verwunderlich, wenn du in dem Alter fühlst, dass du dich sowohl zu Jungs als auch zu Mädchen hingezogen fühlen kannst.
Ich hatte meinen ersten Freund mit 15, meine erste Freundin mit 16, dachte dann erstmal ich sei lesbisch, bis ich mich mit 17 wieder in einen Jungen verliebte und mich von hetero oder lesbisch verabschiedete.

Ich denke, je früher man sich davon lösen kann und sich selbst einfach erlaubt zu fühlen, was man eben fühlt, eine Anziehung zu einem Menschen ohne das gleich zu werten (zum Beispiel mit: "kann doch nicht sein, ist doch ein Mann / eine Frau" / "ich habe doch schon einen Freund, heißt das dann, dass ich ihn gar nicht mehr liebe?", desto besser!
Wenn du es jetzt schon schaffst, so offen mit dir selbst umzugehen, wie das dein Freund*innenkreis offensichtlich auch tut, juhu!

Und zu Müttern: Ja, meine dachte auch, das ist vielleicht eine Phase (oder hoffte es wahrscheinlich). Aber da liegt wohl unser Erziehungsauftrag als Kinder an unsere Eltern :-)

Würde mich freuen, zu hören, wie es dir im Elsass ergeht, mit der Liebe und so!
Liebe Grüße
Lexa
Besucher  - That's what's up   |10.12.2015; 09:55:12
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Hallo ihr Lieben,

ich habe ganz schön lange nichts mehr von mir hören lassen - Schande über mich. Erstmal auch noch vielen Dank für deinen lieben Kommentar, Lexa, und ich werde deiner Bitte gleich nachkommen und mal erzählen, was sich in meinem (Liebes-)Leben inzwischen so getan hat.
Es ist leider gar nicht so einfach. Ich bin inzwischen fast vier Monate im Elsass - vier Monate, in denen viel passiert ist. Vor knapp einem Monat realisierte ich, dass ich mich genau in jene lesbische Freundin verliebt hatte, die ich weiter oben schon im Text erwähne. Wir skypten, und ich merkte, dass ich ihr meine Gefühle nicht gestehen konnte. Deshalb schrieb ich ihr einen Brief und schickte diesen auch ab. Sie meldete sich dann bei mir und wir vereinbarten, miteinander zu reden, wenn ich für ein Wochenende nach Hause kommen würde. Was sich bei dem Gespräch letztendlich herausstellte, war, dass wir beide einfach zu viel Angst hatten, unsere Freundschaft aufs Spiel zu setzen. Zumindest jetzt, wo unsere Beziehung ohnehin eine Fernbeziehung sein würde. Dennoch sagte sie mir, sie könne es sich durchaus vorstellen, mit mir zusammen zu sein und als wir durch die Stadt liefen, nahm sie meine Hand. Außerdem schrieb sie folgenden Text für mich auf ihrem Blog: "Mir ging es so gut in letzter Zeit.
Du bist die Person, die ich so dringend gebraucht habe und trotzdem ist es wieder eine Borderline. Die Linie, von der ich mich so gut entfernen konnte. Die rote Linie, die so lange meinen Alltag bestimmte.
Und trotzdem: Du bist Problem und Lösung gleichzeitig und das funktioniert nicht. Du bist die Person, die mir das Gefühl gibt endlich wieder zu atmen, nachdem man so lange die Luft angehalten hat. Für dich bin ich nur noch das Eiswürfelchen, denn du bist diejenige, die die den Eisblock zum tauen gebracht hat. Und es ist so ein krasses Gefühl wieder zu fühlen. Emotionen raus zu lassen, die Freiheit zu schmecken. Aber es ist auch eine so große Gefahr. Messerscharf, scharf wie die Klingen, die einen verletzten, um überhaupt wieder etwas zu spüren. Ich vermisse meinen Eispanzer. Ich vermisse das Ich, das ich einmal war. Auch wenn der Eisblock so viel kaputt gemacht hat, so viele Menschen verletzt hat, er war meine Sicherheit. Ich war so stark mit ihm, hatte immer das breiteste Lächeln, das Funkeln in den Augen… War immer das toughe Mädchen, mit meinem flotten Spruch auf den Lippen. Diejenige eben, mit dem dicken Fell, die alles abkann. Und ich hoffe du weißt, was für ein gebrechliches Wesen sich in einen Händen befindet. Wie groß mein Vertrauen ist, das ich in dich lege. Wie sehr ich hoffe, dass deine schützenden Arme um mich mir halt geben und mich nicht erdrücken. Ich weiß, ich mache es dir alles andere als einfach, du hast eine enorm große Geduld mit mir. Nur versprich mir, dass nicht du an mir zerbricht.
Du faszinierst mich jeden Tag aufs neue. Deine wundervolle Art; dein Blickwinkel auf die Welt; wie du mir auch mal Kontra gibst und mich auf den Arm nimmst. Deiner Stimme zu lauschen, dein Lachen zu hören, in deine Augen zu sehen und doch zu wissen, dass du so weit weg bist. Dass du nicht einfach schnell mal vorbeikommen kannst. Du bist eben Lösung und Problem gleichzeitig. Du gibst mir so viel Hoffnung und doch ist eine so große Angst in mir drin.
Ich vermisse dich, jeden Tag ein Stückchen mehr.
Es ist die Borderline und ich stehe am Abgrund."
Wir ließen nach unseren Abschiedsworten einen Gedankenstrich. Und während dieser andauerte, beschloss ich, doch mehr zu wagen. Ihr zu sagen, dass es mir egal sei, dass es der falsche Zeitpunkt für unsere Beziehung wäre. Dass nicht Zeit und Raum, sondern Angst den Gefühlen eine Grenze setzt. Dass ich bereit war, meine Angst zu überwinden und wenn nötig auch die ihre. Dies beschlossen, wähnte ich mich schon glücklich: "Ich kann mir kein seligeres Wissen denken,/als dieses Eine:/daß man ein Beginner werden muß./Einer der das erste Wort schreibt hinter einen jahrhundertelangen Gedankenstrich." (Rainer Maria Rilke).
Aber es sollte alles ganz anders kommen. Auf ihrem Blog postete diese Freundin nämlich auf einmal immer wieder Zitate von "A.". Und ich spürte, dass dieser Mensch ihr viel bedeutete. Es macht mich so wütend, dass ich ihr aus der Nase ziehen musste, dass A. ein Mädchen war, in das sie sich verliebt hatte. Und das sie schon kannte, als wir miteinander redeten. Zumal A. gerade in Neuseeland ist und daher das Argument mit der Fernbeziehung, dass sie bei uns gebracht hatte, nun irgendwie heuchlerisch erscheint. Ich bin jedenfalls im Moment ziemlich unglücklich und einsam.
Auf der anderen Seite habe ich auch viele gute Erfahrungen gemacht. Ich habe mich gegenüber meinen neuen Freunden im Elsass, gegenüber meinem Vater und schließlich auf meinem Blog als bi geoutet und nur positive Reaktionen erleben dürfen. Immerhin etwas also, auch wenn es mir im Moment noch ziemlich dreckig geht.
Ich versuche daher so viel Zeit wie möglich mit lieben Menschen zu bringen, dazu gehört auch hier zu schreiben, wo ich mich aufgehoben fühle. Also fühlt euch gedrückt und bis bald!
EinzigEine   |13.12.2015; 08:48:50
 
EinzigEine überprüft die User auf Fakes.
 
Hallo Elena,

schön mal wieder von dir zu lesen!

Es ist ein heftige Erfahrung, die du gemacht hast. Das, was deine Freundin dir schrieb, finde ich sehr beeindruckend. Schade aber, dass es wohl nur ein kurzer Einblick in ihr Inneres war und sie so schnell umgeschwenkt hat. Ist sie tatsächlich Borderliner oder benutzt sie den Begriff symbolisch?

Ich denke, du sorgst gut für dich, wenn du Zeit mit Menschen verbringst, die dir gut tun.

Weiterhin alles Gute für dich!

EinzigEine
Besucher   |14.12.2015; 09:20:16
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 
Hallo EinzigEine,

vielen Dank für deine lieben Worte.
Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob sie wirklich als Borderlinerin diagnostiziert ist, aber ihre Persönlichkeit weißt eindeutig gewisse Züge des Krankheitsbildes auf.
Das denke ich auch und die letzten Tage haben mir dabei Recht gegeben.
Für dich auch - ich lasse von mir hören,
Elena

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