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Mittwoch, 16. April 2008
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Montag, 23. September 2013

Bonusmeilen / Frauen
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Ein bisschen wie zwischen den Stühlen...

Ich komme aus einem konservativen Haus, bin gut katholisch erzogen worden. Ich habe schon früh gelernt: Beziehungen zwischen Männer und Frauen sind die Norm. Sind das, was erstrebenswert ist. Eine heterosexuelle Beziehung, Familie. Homosexualität wurde in unserer Familie nie als Sünde gesehen, so wie man es nach einigen Bibelstellen sehen könnte. Aber in der eigenen Familie sollte es dann bitte auch nicht vorkommen. Ja, und dann kam ich...

Ich hab mich als Kind schon früh immer sehr rasch verliebt. In Jungs. Irgendeiner war da immer, meinen Ruf hatte ich bald weg. Bis ich erste sexuelle Erfahrungen machen würde sollte es zwar noch etwas dauern, aber für alle war klar und nich zu übersehen, wie sehr ich auf Jungs stehe.

Zu Mädchen hatte ich ein Nähe-Distanz-Problem, das ich mir aber nicht wirklich erklären konnte. Berührungsängste waren immer da. Auch war ich immer schon kein typisches Mädchen, hab lieber mit Jungs gespielt, fand Mädchen meist nur zickig. Heute würde ich sagen, das hat daran gelegen, dass der Status für mich nicht geklärt war. Mit Jungs ist man befreundet oder es wird mehr. Mit Mädchen ist man nur befreundet? Es sollte noch zwei, drei Jahre dauern, bis es klarer wurde...

Mit 14 war ich dann das erste Mal in ein Mädchen verliebt. Sie war 7 Jahre älter und die Gruppenleiterin in der Mädchengruppe einer katholischen Gemeinschaft, in der ich damals sehr aktiv gewesen war. Ich hatte Liebeskummer, das kann sich kein Erwachsener vorstellen, glaub ich. Und das Schlimmste war, dass ich es niemandem erzählen konnte! Hey, es war ein MÄDCHEN!?! Sollte ich lesbisch sein? Aber Jungs fand ich auch toll. Eigentlich doch viel toller als Mädchen und nun träumte ich von IHR, auch erotische Träume und niemand war da, mit dem ich drüber hätte reden können. Dass es sowas wie Bisexualität gibt, wusste ich damals noch nicht.

In den folgenden Jahren verliebte ich mich immer wieder mal in Mädchen, wobei die Tendenz doch immer stärker zu den Jungen war... ich schluckte aufkeimende Gefühle runter, ich verdrängte sie. Die Mädels, in die ich mich verliebte waren eh alle hetero. Ich hatte das Gefühl, der einzige Mensch zu sein, der an beide Ufer schielt... Die Bedürfnisse habe ich im Stillen für mich gestillt. Keiner guckt einem bei der Selbstbefriedigung in den Kopf. *g* Nur die Angst, zu viel Nähe würde die Mädchen in meinem Umfeld denken lassen, ich wollte was von ihnen, sie könnten sich bei mir nicht mehr „sicher“ fühlen, die wuchs. Bloß in keine Schublade gesteckt werden, in die man nicht gehört! Normale Freundschaften waren schwer möglich.

2 Beziehungen hab ich gehabt bisher. Beide mit Männern. Was Frauen anbelangt, steh ich immernoch am Beginn. Ohne Erfahrungen.

Für mich war die Gründung des StudiVZ im Internet der erste Weg zur persönlichen Freiheit! In erster Linie eine Plattform für Studenten, kann man dort Gruppen bilden, nach Interessen, aus Unsinn heraus, wie man möchte. Ich bin letztes Jahr in die bi-Gruppe gegangen und habe dort endlich Menschen kennengelernt, die so alt sind wie ich. Die die gleichen Gefühle und Gedanken kennen, die die gleichen Probleme haben. Und auch wenn wir dort nur bedingt über Probleme oder das Bi- Empfinden selber reden/schreiben, so hat mich das trotzdem irgendwie gestärkt.

Vorher wussten nur meine Partner, was da los ist bei mir, nun hatte ich den Mut, mich im Freundeskreis zu outen. Wobei ich es auch nicht jedem auf die Nase binde. Aber ich mache auch kein Geheimnis mehr daraus. Okay, meine Familie würde es frühestens erfahren, wenn ich mit ner Freundin ankäme, aber sie würden es auch nicht verstehen. Homo- und Heterosexualität würden sie akzeptieren, alles dazwischen sei reine Unentschlossenheit, sagen sie... Nun gut.

Mein Freundeskreis ist größer geworden. Inzwischen tummeln sich dort einige Bi-Leute aus der Gruppe oder auch einige Lesben. Mein gelebter Horizont hat sich dem geistigen etwas weiter angepasst...

Bleibt nur noch das Problem: Wenn ich von meinen Ex-Freunden erzähle oder von Männern, dann schaut mich keine Frau an, weil sie denkt, ich sei hetero. Wende ich mich den Frauen zu, bin ich für die Männer lesbisch und tabu. Solang ich aktiv auf der Suche wäre, wär da sicher kein Problem, aber im normalen Alltag ist es schwierig, jemanden zu finden oder von jemandem gefunden zu werden, wenn man in keine der beiden gängigen Schubladen passt...

Das ist mein persönlicher Knoten, der noch nicht geplatzt ist. Den ich klein kriegen möchte, damit ich endlich Erfahrungen machen kann. Nicht auf Teufelkommraus, sondern normal. Wie jeder andere Mensch auch, der Liebe und Geborgenheit sucht. So lange laufe ich meine „Bonusmeile“ noch ab und hoffe, dass es bald besser wird...

Ich denke übrigens, dass nicht erst die Erfahrung zeigt, welcher Art die sexuelle Orientierung eines Menschen ist. Kann so sein, muss aber nicht. Ich weiss nicht, ob mir Sex und Zärtlichkeiten mit einer Frau gefallen würden/werden, aber Beziehung und Liebe entstehen aus Gefühlen und Zuneigung und Begehren und dem Sich-angezogen-fühlen. Und das war eigentlich nie die Frage bei mir... ;)

Besucher  - Toll. :)   |10.07.2009; 17:10:00
Ich find deinen Beitrag echt toll, schön geschrieben und .. ich kanns irgendwie nachvollziehen, trifft zwar nicht alles so 100% auf mich zu, aber passt schon ziemlich gut ...

Lg
Winterkind

Letzte Aktualisierung ( Montag, 23. September 2013 )  
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