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Geschrieben von Myri  
Montag, 13. Juni 2011 um 00:48
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Mittwoch, 4. Februar 2015 um 02:25

Blogs / UserBlogs

Sexuelle Welten und der Dschungel ihrer Begrifflichkeiten

Also irgendwie beschleicht mich in letzter Zeit immer wieder das Gefühl, dass, gerade was die sexuellen Tendenzen und Variationen angeht, in den letzten Jahren immer mehr neue Begrifflichkeiten und Unter-Verschachtelungen geschaffen werden.
Aktueller Aufhänger für mein Posting ist einer von Leserattes Beiträgen, in dem sie eine Freundin erwähnt, die sich selbst als 'Fag Hag' bezeichnet.
Ich bin leider nicht ständig auf dem Laufenden was solche Bezeichnungen angeht und mußte erstmal danach googeln:

Eine Fag Hag ist ein aus dem englischen stammender neutraler bis beleidigender Ausdruck für eine Frau, die sich an der Gesellschaft schwuler Männer erfreut und sich ihnen asexuell verbunden fühlt (Quelle: HomoWiki).


Nun stellt sich mir mittlerweile die Frage, warum die Menschen bestrebt sind, für sich und ihre Neigungen ständig neue Namen zu erfinden? Ist es einfach nur, um sich selber interessanter zu machen, sich aus der Masse abzuheben? Muß man für jede noch so geringe Tendenz gleich eine spezielle Bezeichnung erfinden?
Ich selber pflege langjährige Freundschaften mit schwulen Männern, bin aber bisher nie auf die Idee gekommen, dass es dafür einen speziellen Namen braucht. Mir sind die Freunde als Mensch wichtig und da brauche ich keine neue, abgefahrene Begrifflichkeit.

Als anderes Beispiel könnte man den Begriff 'Pansexualität' nehmen. Wenn man den Werbetext einer Internet-Partnervermittlung liest

Als Bewegung wendet sich der Pansexualismus gegen ein vereinfachtes binäres Geschlechter-Verständnis. Der Pansexualismus betrachtet letztlich den Menschen in und für sich und eben nicht als Mann, Frau, Zwitter oder Transsexuellen als zu liebendes und auch sexuell zu begehrendes Wesen.(Quelle: Gleichklang limited)

so hört sich das Ganze erstmal an, wie die Krone der menschlichen Interaktion. ABER: damit wird auch unterstellt, dass sich ein bisexueller oder homosexueller Mensch, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung, nicht ebenfalls in einen anderen Menschen, der nicht in dieses sogenannte binäre System passt, verlieben könne.

Nun ja, Girlfag hin, Guydyke her...auch auf die Gefahr hin, dass ich nun als altmodisch rüberkomme oder / und mir böse Kommentare einhandele, aber ich empfinde es manchmal einfach als sehr anstrengend, sich im Wirrwarr der ganzen Unterkategorien und Neuschöpfungen von Begriffen zurecht zu finden. Denn bislang erschließt sich mir noch nicht wirklich der Nutzen des Ganzen.

Kurzlink: lilelu.de/!3867
Mac   |13.06.2011; 01:46:58
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Ich stimme dem voll und ganz zu und bezeichne diese Entwicklung als Schwachsinn.
Ich habe auch den Verdacht, das es hier nur darum geht, sich abzugrenzen und etwas besseres darzustellen. Frei nach dem Motto: "Ich bin nicht, wie die anderen. Ich bin besser / anders.". Es wirkt ja. Wer sich mit den Begriffen nicht auskennt, denkt erstmal "Toll, ich kenne es zwar nicht, aber es hört sich gut an.".
Der verzweifelte Versuch, sich aus der Masse abzuheben. Eine etwas kuriose Form der "Meine 15 Minuten".

Mit Pansexuell hadere ich schon, seit sich die Ersten hier so betitelt haben und ich sie dann kennenlernen durfte. Mit Pansexualität hatten die nichts gemeinsam. Aber es klingt halt so schön edel.
Ich behaupte auch mal, wer wirklich pansexuell ist, legt keinen Wert auf diese Bezeichnung.


Bye Mac
Fen   |13.06.2011; 11:53:02
 
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Zuerst dachte ich an die Hexen in Terry Pratchetts Scheibenwelt. Hags sind im Englischen Hexen, alte Weiber. Dann habe ich es doch noch mal nach geschlagen.

Wozu brauchen wird diese Schubladen? Wozu brauchen Wir Symbole. Wieder so eine unscheinbar daher kommende, kleine, schwierige Frage. Weil wir Gemeinschaft suchen? Weil wir uns abgrenzen wollen? Weil wir ausgrenzen wollen? Die Lust an Anglizismen hat eine Flut an Begriffen hervor gerufen, die nicht inhaltlich neu aber interessanter sind. Eitelkeit? Stolz? Verachtung? Der Versuch der Kategoriserung? Noch mehr und eine Mischung aus allem?

Manche Begriffe sind Umgangssprachlich, manche der Wissenschaft entnommen. Oft gerät die ursprüngliche Definition dabei in Vergessenheit oder wird absichtlich dem jeweiligen Anliegen entsprechend verändert.

Ich denke oft an "What makes am man a man" von Charles Aznavour, wenn ich damit Konfrontiert bin, eine passende Schublade zu benennen, wenn es nicht ausreicht zu sagen, ich bin eine Frau.
EinzigEine   |15.06.2011; 08:54:31
 
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Auch ich halte diese Kategorien für Blödsinn und es erschließt sich mir nicht, warum Menschen das Bedürfnis haben, sich in dieser Art und Weise irgendwo einzuordnen. Vielleicht ist es tatsächlich nur, um sich wichtig zu machen. Ich brauche das jedenfalls nicht, denn mir ist jemand als Mensch wichtig oder nicht ... unabhängig von seiner sexuellen Identität und Orientierung.
Besucher_in   |17.06.2011; 18:24:19
Also, auch wenn ich eure Abneigung gegen Kategorien verstehen und nachvollziehen kann, wenn ihr sie nicht auf euch selbst anwenden wollt, so finde ich es jedoch unfair und kurzsichtig von euch, Menschen, die sie benutzen, kategorisch als eingebildet, verzweifelt, verachtend oder sonstwas zu be- und verurteilen, ohne sie zu kennen. Auch eine solche Anti-Kategorien-Haltung könnte man verurteilen, aber dafür kenne ich zumindest drei von euch zu gut, als daß ich euch engstirnig nennen könnte.

Die Freundin, von der ich schrieb, sprüht vor Lebensfreude und ist ein authentischer Paradiesvogel. Sie fällt in vielerlei Hinsicht aus dem Rahmen, und zwar, weil sie einfach Spaß an allem möglichen hat, und nicht, weil sie damit was bezwecken will. Ihre Lust an Begrifflichkeiten rührt wohl daher, daß Deutsch nicht ihre Muttersprache ist und sie obendrein in der Linguistik tätig ist. Mit Begriffen zu jonglieren, sie zu verdrehen und zweckentfremden macht ihr einfach Freude. Zufällig ist sie mit vielen Schwulen befreundet und umarmt in sprachverliebtem Eifer die Bezeichnung fag hag / Schwulenmuttchen für sich. Nicht gerade die Sorte Mensch, die ihr da beschreibt.
Ihr könnt euch am CSD übrigens selbst ein Bild von ihr machen, wenn sie mit ihrem zweijährigen Sohn zu mir stößt.
Mac   |17.06.2011; 22:52:20
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Ich bin völlig engstirnig...
Ich bleibe bei meiner Meinung zum Thema. Für die Ausnahmen kann ich nichts.
Fen   |17.06.2011; 21:08:57
 
Fake- Check: 2 FV LLL'ler haben Fen  als echten User eingestuft.
 
Ich lehne die Kategorien nicht ab. Doch die Frage, wozu sind die eigentlich gut, ist schon bedenkenswert. Ich habe schon befürchtet, dass du das ein wenig als Angriff auf dich empfindest. War es aber so nicht gemeint. Ich freue mich eine selbsternannte fag hag kennen zu lernen. Ich bin eine Erdentochter oder Tochter der Erde, letztlich auch ein Art hag. Ich bin sicher Deine Freundin ist ganz zauberhaft.
Myri  - re:   |18.06.2011; 02:53:06
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leseratte82 schrieb:
... finde ich es jedoch unfair und kurzsichtig von euch, Menschen, die sie benutzen, kategorisch als eingebildet, verzweifelt, verachtend oder sonstwas zu be- und verurteilen, ohne sie zu kennen.

Ich habe nicht die Absicht, jemand zu be- oder verurteilen. Eigentlich habe nur mal meine Fragen nach dem Warum des Ganzen in den Raum gestellt.
Ich schätze, die Beweggründe sind wahrscheinlich bei jedem "Katergorisator" etwas unterschiedlich gelagert und schließe damit absolut nicht aus, dass dahinter tolle und interessante Menschen stecken können.
Nur bin ich jetzt immer noch nicht viel schlauer, weshalb das Leben durch diese Begrifflichkeiten bereichert wird .
Besucher_in   |18.06.2011; 11:08:30
@Mac: Bleib so, das bist du, und du bist echt. Herrlich!

@Fen: Schön, wie ich hochgehen kann, was? Wie ein HB-Männchen.

@Myri: Also - warum? Ich kann den Kategorien auch etwas abgewinnen. Siehe auch meine Frage nach "typisch weiblich" im Forum.
Für mich geht es um Identität. Indem ich verschiedene Kategorien auf mich ausprobiere, und mich mit anderen darüber austausche, was sie mit diesen Kategorien meinen, formt sich ein Bild von mir. Dabei bin ich nie eine dieser Kategorien, sondern mein Bild von mir formt sich aus vielen Kategorien und den kleinen und großen Überschneidungen und Abweichungen, den Nuancen und Großartigkeiten, in denen ich mich hineinpassend fühle oder nicht. Durch diesen Prozeß lerne ich mich besser kennen.
Und Kategorien können bei all ihrer Plattheit, Kommunikation erleichtern, kompakt mal eine Kerninfo rüber bringen. Einen Menschen verkürzt man damit natürlich, und man darf die Kategorie nie mit der Beschreibung dieses Menschen verwechseln. Aber um mal so ganz kurz und schnell einen Zug einer Person anzudeuten, ist so eine Kategorie, so ein Begriff doch sehr praktisch.
Wir identifizieren uns ja auch als bisexuell und haben uns so gefunden. Daß jeder von uns anders ist, auch in seiner Bisexualität, ist ja dabei total klar.
Und daß die Unterscheidungen immer feiner werden, finde ich zum Teil richtig. Da stellen eben Menschen fest, daß mehrere von ihnen diese eine Abweichung zum Gesamtkonzept erleben. Wenn's dann aber zu fein wird, verliert das Konzept seinen Nutzen, nämlich die Verkürzung.

So, meine two cents.
Besucher_in   |19.06.2011; 08:54:26
Uff, Kategorien sind da auch nicht so mein Ding. Einerseits mag es praktisch sein, etwas kurz und bündig mit einem "Begriff" erklären zu können, andererseits merke ich bei mir, daß ich ohnehin nicht in eine Kategorie passe - egal ob Sexualität oder anderes. Wenn es jemandem gut tut, etwas einordnen zu können /müssen - sein Ding, ich müßte mich verbiegen, da ich in keine Kategorie sonderlich gut passe. Bewerten will ich das nicht, bringt wohl auch nichts. Jeder ist der, der er ist und selbst das ist im Wandel und entwickelt sich, auch wenn grundsätzliches gegeben ist.
EinzigEine  - re:   |19.06.2011; 18:46:31
 
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leseratte82 schrieb:
Und Kategorien können bei all ihrer Plattheit Kommunikation erleichtern, kompakt mal eine Kerninfo rüberbringen.

... aber nur, wenn man weiß, was die jeweilige Kategorie bedeutet. Wenn sich mir jemand vor dieser Diskussion hier als "Fag Hag" vorgestellt hätte, wäre mein Gesicht wohl eine Mischung aus , und gewesen!
EinzigEine  - re: re:   |19.06.2011; 18:47:43
 
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Myri schrieb:
Nur bin ich jetzt immer noch nicht viel schlauer, weshalb das Leben durch diese Begrifflichkeiten bereichert wird .

... vielleicht, damit wir uns hier Gedanken darüber machen können !
EinzigEine  - re:   |19.06.2011; 18:51:56
 
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sol schrieb:
Bewerten will ich da nicht, bringt wohl auch nichts.


Wir bewerten doch in irgendeiner Art und Weise immer und alles, oder? ...

Zitat:
Uff, Kategorien sind da auch nicht so mein Ding.

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