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Geschrieben von Mac   
Montag, 10. November 2014
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Damals - vor 25 Jahren - in Ost- Berlin

Zu ziemlich genau der gleichen Uhrzeit, wie dieser Beitrag entstanden ist (gegen 3:00 Uhr Nachts), wurde ich vor 25 Jahren aus dem Schlaf geschüttelt. Mein Bruder stand an meinem Bett und flüsterte mir aufgeregt zu:
"Martin, wach auf! Die Grenze ist offen."
"Was ist los?"
"Die Grenze ist auf. Komm, wir gehen rüber?"
"Nee, ich will schlafen."
"Haste nich gehört, die Mauer ist offen. Wir können in den Westen"
"Ich bin müde, laß mich."
"Na dann schlaf weiter."
Ich glaube, er hat noch den Kopf geschüttelt und ist dann verschwunden.

Am Morgen ging ich ganz normal zur Schule und wurde dafür von der Direktorin mit den Worten begrüßt.
"Guten Morgen Herr Pflüger, Sie hier?"
Das war wohl dem Umstand geschuldet, daß meine Eltern die einzigsten Eltern meiner Klasse waren, welche nichts mit der Partei und dem Apparat zu tun hatten, sondern "nur" selbstständige Handwerker. Diese Erkenntnis stellte sich bei mir aber erst einige Monate später ein, als ich mit den Bezeichnungen "MfS" und "MdI", die ich so oft im Klassenbuch gelesen hatte, endlich mal etwas anfangen konnte.
Die Direktorin war aber offenbar der Meinung, das ich - als Sohn von Kapitalisten - schon lange im Westen sein müßte. Zur Hälfte hatte sie damit ja auch recht. Meinen Bruder habe ich mehrere Tage nicht mehr gesehen.

Bei dem Gedanken an meine Schulzeit, stellen sich bei mir noch heute so manches mal die Nackenhaare auf, wenn ich über mein damaliges Umfeld nachdenke. Der "berühmte" Stasi- Knast Berlin-Hohenschönhausen lag am Ende meiner Straße, ohne daß ich dies zu DDR- Zeiten für voll genommen hätte. Und ich bin mehrmals in der Woche an dessen Mauern vorbei gelaufen. Stasi war für mich bis dahin eh ein Fremdwort.
Der Vater eines Mitschülers war Oberst der Stasi und durfte dafür nach der Wende mehrere Jahre in den Knast. Ich war mehrmals bei diesem Schüler zu Hause, in einem sehr speziellem Wohnhaus. Auch eine späte Erkenntnis.
Mielkes Enkeltochter war eine Klassenstufe unter mir, nicht annähernd so schön, wie sie borniert war. Was mich damals, ohne entsprechendes Hintergrundwissen, etwas irritiert hat. Schalck-Golodkowski wohnte am anderem Ende der Straße...
Und wer weiß, was da noch so alles rumgekrochen ist.

Meine Eltern machten sich zu DDR- Zeiten immer lustig über eine Frau aus unserer Straße, die sie nur das "Rote Radieschen" nannten. Ich habe keine Ahnung, welche Funktion dieses Radieschen bekleidet hat, um diesen Namen zu verdienen, aber manchmal möchte ich meinen Eltern heute noch auf den Hinterkopf hauen, für die Blindheit, mit der sie mich durchs Ostleben haben laufen lassen. Hätten sie nicht mal was sagen können, wo wir leben? Was ist ein kleines rotes Radieschen gegen eine ganze Klasse voller inoffizieller Mitarbeiter, den halben Spitzelapparat im Viertel und die dazu passende Anstalt am Ende der Straße.
Andererseits hatte es im Nachhinein auch etwas Gutes. Ich hatte dadurch eine unbeschwerte Kindheit / Jugend und habe mir um eventuelle Repressalien keinen Kopf gemacht, da ich nichts von ihnen wußte. Wer weiß, wie mir meine Verweigerung der FdJ später im Berufsleben ausgelegt worden wäre. Dabei war ich einfach nur zu faul, ständig an irgendwelchen Veranstaltungen teilnehmen zu müssen, das doofe Hemd nicht zu vergessen, wenn mal wieder in der Schule was anstand. Meine Zeit als Thälmannpionier hatte mich da eines besseren belehrt.
Und ich bin mir sicher, Matrose bin ich nur geworden, weil es irgendjemand so wollte. Eigentlich wollte ich Straßenbahn- oder Busfahrer werden.
Bloß gut, das sich da jemand eingemischt hat. :-P

Theoretisch könnte ich das nachprüfen und ich habe auch schon so manches mal überlegt, eine Einsicht in die Stasi- Unterlagen zu beantragen, aus reiner Neugier. Aber irgendwie lebe ich auch jetzt mit dem guten Gefühl, das ich nichts weiß. Was würde es bringen, sich jetzt über die mehr als 25 Jahre alten Machenschaften aufzuregen?!
Aber trotz meiner damaligen Naivität, bekomme ich noch heute feuchte Augen, wenn ich Berichte über diese Zeit sehe. Denn nach dem 9.11.1989 hatte ich das ungute Gefühl, daß ich einen sehr wichtigen Teil der DDR verpaßt hatte, und habe mir deshalb alles reingezogen, was es dazu zu sehen gab. Die Berichte und Dokumentationen haben mir dann endlich gezeigt, was die Menschen wirklich für ein Risiko auf sich genommen haben, als sie auf die Straße gingen. Zwei Tage, vor der ersten Montagsdemo in Leipzig, haben viele Menschen in Berlin vor‘m "Lampenladen" demonstriert und wurden dafür noch gnadenlos niedergeknüppelt.
Ich bin ihnen allen unendlich dankbar für ihren Mut.

Meinen ersten "Grenzübertritt" habe ich schließlich, zusammen mit einem "inoffiziellem Mitarbeiter", an der Bornholmer Brücke vollzogen. Einen Tag später, am 11. November 1989.
Bin auch brav zur Grenzbeamtin gegangen (hat die böse geguckt) und habe mir ein Visum in den Ausweis stempeln lassen. Damit ich auch ja wieder zurückkomme.

Bye Mac

Remember, remember the ninth of november!

EinzigEine  - Interessant ...   |10.11.2014; 16:53:59
 
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was du über dein Erleben der Grenzöffnung und der Zeit davor geschrieben hast, Mac! Bestimmt gab es nicht viele Menschen, die in der Nacht der Grenzöffnung "Ich will schlafen." gesagt haben ... noch dazu in Berlin!

Am Donnerstag, dem 09.11.1989, war ich mit meinem späteren Ehemann in Quedlinburg zur Demo. Es waren viele Menschen versammelt, es war ziemlich kalt und schon recht spät, als einen Raunen duch die Menge ging ... "die Grenze ist auf ..." hörte man immmer wieder. Es war wie eine Welle, die durch die versammelte Menschenmasse ging und als die Demo zu Ende war, fuhren wir mit den Trabbi nach Hause und hörten die Nachricht im Autoradio. Es war nicht zu fassen! Aber wir waren zu weit weg und es war schon zu spät, um direkt loszufahren.

Am Freitag war ich noch arbeiten und am Nachmittag bin ich zur Meldestelle gegangen, hab mir den Stempel geholt und Sonnabend ging es in Richtung Westen. Bis Magdeburg war das auch ok, aber dann begann der Stau, der bis zur Grenze anhielt ... also Stau auf der A2 von Magdeburg bis Marienborn. Unser Ziel war Wolfsburg und für diese Strecke, für die ich heute keine zwei Stunden brauche, haben wir mehr als einen halben Tag gebraucht. Trotz Kälte und langer Warterei war die Stimmung toll ... ich werde nie vergessen, wie die Trabbi-Abgase unter den Dächern an der Grenzübergangsstelle hingen und ein bisschen taten mir die Soldaten leid, die inmitten dieses Smogs standen und eigentlich gar nicht mehr wussten, warum und wozu ...

Dass du die DDR und den Alltag so erlebt hast, wie du es beschreibst, wundert mich. So viel jünger bist du nicht ... mich erinnert das Szenario, das deine Eltern geschaffen haben, ein bisschen ein "Goodbye Lenin" ... nur eben in die andere Richtung.

Bei mir war es anders ... ich habe die DDR nicht positiv erlebt, bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und merkte schon früh, dass es zu Hause anders ist als "draußen" ... dass ich manche Dinge lieber nicht erzähle, die zu Hause Thema waren. Ein Leben zwischen zwei Welten. Ob das besser war als bei dir, Mac, weiß ich nicht. Es war anders ... und obwohl ich in der Nachbarschaft weder einen Stasi-Knast noch "Polit-Prominenz" hatte, habe ich gemerkt, dass zwischen dem, was in der Schule und im (Ost-)Fernsehen gesagt wurde, und dem, was ich jeden Tag erlebte, große Widersprüche waren.

Grüße
EinzigEine
Mac  - Bubble   |11.11.2014; 23:57:00
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Also ich war 15 und in der 10 Klasse, um das mal mit dem Alter genauer zu beziffern.
Es war weniger, was meine Eltern "erschaffen" haben, als mehr, was sie mir nicht gesagt haben. Und das Ostfernsehen hatte bei uns seltenheitswert. Lieber leichten Schneesturm auf der Mattscheibe.
Dazu kommt dann eben noch mein damaliges Umfeld. Denen ging es allen gut, sie hatten also keinen Grund sich aufzuregen. Mir ging es ja auch gut, im "Dunstkreis" dieser Leute.
Nehme ich nur mal die Geschäfte ringsum. Die waren alle gut sortiert und gefüllt. Nix mit Mangelwirtschaft. Silke war mal bitter enttäuscht, als ich ihr davon erzählt habe, weil es bei ihr genau andersrum aussah. Alles Dinge, die ich nie gesehen habe.
Mein Bruder - 3 Jahre älter - muß definitv auch den anderen Teil gesehen haben. Er gehörte damals der Skater- Szene an und stand dadurch wohl unter Beobachtung der Stasi. Für ihn war ich aber offenbar nicht der passende Gesprächspartner für solche Themen.

Ich bin mir ziemlich sicher, daß meine Blase nach der Schule sehr schnell geplatzt wäre.
Aus meinem Zeugnis der 9.
Zitat:
... Er setzt sich mit negativen Verhaltensweisen in der Klasse auseinander und vertritt seinen Standpunkt offen. ...
Wie lange wäre das, außerhalb von "Lummerland" wohl gut gegangen?

Der Mauerfall ist für mich dadurch zu einem Gefühl geworden, als wäre ich gerade noch so davon gekommen.
Gut, was danach kam, entsprach auch nicht meinem Verständnis von Fairness und Gerechtigkeit und kommt mir manchmal wie ein Hohn der Geschichte vor.
'Der böse Kapitalismus zeigt jetzt mal, wie böse er wirklich ist.'
Aber lieber das und sowas, wie Meinungsfreiheit und Selbstverwirklichung, als die andere Variante an dem einen Ende meiner Straße.

Und weil du es erwähnt hast, danke ich dir EinzigEine mal ganz direkt für deinen Mut, auf die Straße zu gehen. Vielen, vielen Dank.


Bye Mac
EinzigEine  - re: Bubble   |13.11.2014; 19:34:59
 
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Ja, Mac, so wie ich dich bisher erlebt habe, hättest du in der DDR mit Sicherheit ziemlich schnell Probleme bekommen! Gut, dass es nicht dazu gekommen ist.

Mac schrieb:
Und weil du es erwähnt hast, danke ich dir EinzigEine mal ganz direkt für deinen Mut, auf die Straße zu gehen. Vielen, vielen Dank.

Aber gern doch! Ich fand und finde das, was ich gemacht habe, gar nicht als sooo mutig. Als es hier mit den Demos losging, war das Schlimmste schon vorbei ... mein persönliches Risiko war nicht sehr groß.

Zitat:
Und das Ostfernsehen hatte bei uns seltenheitswert.

Das war bei uns zu Hause auch so. Wir hatten nur ARD, ZDF und DDR 1, haben aber fast nur ARD und ZDF gesehen.

Zitat:
Gut, was danach kam, entsprach auch nicht meinem Verständnis von Fairness und Gerechtigkeit und kommt mir manchmal wie ein Hohn der Geschichte vor.
'Der böse Kapitalismus zeigt jetzt mal, wie böse er wirklich ist.'
Aber lieber das und sowas, wie Meinungsfreiheit und Selbstverwirklichung, als die andere Variante an dem einen Ende meiner Straße.

Sehe ich auch so. Das System heute hat auch Schattenseiten, aber nie, nie wieder möchte ich in einer Diktatur leben ... und die Sprüche, dass nicht alles schlecht war in der DDR, verursachen mir oft Übelkeit, denn es geht nicht darum, ob das Eine oder Andere besser oder Schlechter war, sondern um das System an sich. Alles, was im Nachhinein als "gut" beschrieben wird, diente dazu, das System zu festigen. Beispiel: Die Rolle der Frau und der Familie ... natürlich waren Frauen in der DDR fast alle berufstätig und die Kinder wurden betreut, aber warum war das so? Weil man Arbeitskräfte brauchte und weil der Staat einen Großteil der Erziehung übernehmen wollte, um den Nachwuchs nach seinen Vorstellungen zu formen.

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