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Re:Polyamorie, wer kann es sich vorstellen?
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Re:Polyamorie, wer kann es sich vorstellen?
Beitrag geschrieben von Thomas am 26.02.2017, 09:29 Uhr
Letzte Änderung: 26.02.2017, 09:41 von Thomas.
von  Thomas
 
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Lustig. Ich habe mir gerade diesen Thread durchgelesen, und hier taucht im Grunde genommen genau das Bild in abgeschwächter Form wieder auf, mit dem ich die ganze Zeit bei 'Normalos' konfrontiert bin.

Das Bild nämlich, dass ein polyamores Beziehungsgeflecht darauf reduziert wird, den/die Partner/in mit einer weiteren Person zu "teilen". Und das ist - mit Verlaub - etwas arg kleingeistig, egozentrisch und plappert mir auch ein bisschen zu unreflektiert die Vorurteile der Mehrheitsgesellschaft nach. (Mein Highlight in dieser Beziehung ist "jeder mit jedem und alle zusammen".)

Die meisten stellen sich so eine polyamore Beziehung wohl als ein Dreiergeflecht vor (auch Triade oder V genannt). Das ist auch sehr oft so, schon aus allerlei praktischen Gründen. Eine solche Konstellation wird dann aber fast immer völlig isoliert und einseitig betrachtet: Ein Mensch unterhält eine Liebesbeziehung zu zwei anderen, und diese beiden anderen Menschen nehmen dann quasi mehr oder weniger stumm leidend und passiv die Entscheidungen und das Verhalten des mittleren Menschen hin, der/die dann irgendwie den Beziehungshut aufhat. Sorry, aber das ist Mumpitz. Ein polyamoröses Beziehungsgeflecht kann nur funktionieren zwischen Menschen, die gut mit sich selber klar kommen, sich selber recht gut kennen und auch ihre Grenzen - gerade innerhalb einer Beziehung - klar kommunizieren können. Bei denen man als Partner blind darauf vertrauen kann, dass der/diejenige für sein/ihr eigenes Wohlbefinden die Verantwortung auch selber übernimmt und er/sie es eben dann auch entsprechend äußert, wenn etwas nicht passt (übrigens: Eifersucht ist sehr oft ein Thema. Ich weiß nicht, wo dieses fürchterliche Wort "eifersuchtsfrei" herkommt - ich bin jedenfalls noch keinem Menschen begegnet, der völlig über solche Gefühle erhaben wäre. So zu tun, als gäbe es diese Gefühle nicht, ist in meinen Augen einfach nur Selbstbetrug - vielmehr versucht man eben, anders damit umzugehen, und nicht gleich mit Besitzansprüchen, Gekränktsein und Schmollen zu reagieren.)

Eine gesunde Beziehung, egal in welcher Ausprägung, kann nur funktionieren, wenn sich die beteiligten Menschen auf emotionaler Augenhöhe begegnen und langfristig eine Form von Gleichgewicht zwischen ihnen herrscht. Und dazu gehört speziell in polyamoren Beziehungsgeflechten eben auch, dass beide ihre Beziehungen haben, die sie hegen und pflegen, und dass sie sich mit ganz viel Respekt und Freundschaft begegnen. Es heißt aber gerade nicht, dass da irgendwelche Übermenschen zugange sind, die nie irgendwelche negativen oder destruktiven Gefühle hätten. Es heißt nur, dass ich vom anderen nicht erwarte, dass er alle meine Bedürfnisse befriedigt [1], dass man sich bei nichts auf herkömmliche Muster stützen kann, und dass man sich immer wieder auch selber hinterfragen und relativieren muss.

Das ist sicher nicht für jeden etwas, aber funktionieren kann es allemal. Und es ist aller Ehren Wert, neue Beziehungsmustern auszuprobieren, die den Menschen (zumindest einigen) vielleicht besser gerecht werden als die klassische Zweierbeziehung. Dass die nicht gerade ein Erfolgsmodell ist, weiß man ja zur Genüge.[2]

Sorry, wenn ich mich gerade ein bisschen in Rage geschrieben habe. Aber das meiste, was hier anklingt (Fen nehme ich da ausdrücklich aus), dreht sich eher um etwas, das ich als "geduldetes, still hingenommenes Fremdgehen" bezeichnen würde. Das allerdings könnte ich mir auch nicht vorstellen.

-- Thomas

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[1] Ein klassisches Muster in vielen Zweierbeziehungen und ein häufiger Scheidungsgrund: Erst stelle ich an den anderen Erwartungen, für die er erstens nicht zuständig und mit denen er zweitens völlig überfordert ist, dann werfe ich ihm vor (gerne auch nonverbal), dass er diese Erwartungen nicht erfüllt. Und der andere weiß gar nicht, wie ihm geschieht.


[2] Abgesehen davon: Wann ist eine Beziehung "erfolgreich"? Wenn sie fünf Jahre hält? Zehn? Zwanzig? Ein ganzes Leben? Das ist keine rhetorische Frage, ich wüsste das wirklich gerne.
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Polyamorie, wer kann es sich vorstellen?
Könnt ihr euch eine liebevolle Beziehung zu dritt vorstellen? Eifersuchtsfrei und gleichberechtigt? Es scheint absolut unmöglich, eine zweite Frau zu finden, die an ehrlichen Gefühlen, und nicht nur ... zum kompletten Beitrag
Saty 20.02.2017, 11:59
   
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Agathe 25.02.2017, 01:02
   
Re:Polyamorie, wer kann es sich vorstellen?
Thomas 26.02.2017, 09:29
   
Nickita 26.02.2017, 10:08
   
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