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Körperlich lesbisch, alles andere hetero - geht das?
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Ich brauche dringend Hilfe, ihr wirkt hier alle so im Reinen mit euch, und ich bin nichts als ein seelisches Wrack. Es wird ein sehr langer Text, entschuldigt das bitte.

Ich bin eine Frau, 45, verheiratet und habe drei Kinder und lebe wieder in der Kleinstadt, in der ich auch aufgewachsen bin, Hier kenne ich also Gott und die Welt.

Ich habe das Gefühl, dass körperliches und mentales/herzmäßiges Verlangen bei mir auseinanderdriften. Körperlich glaube ich, dass ich mich eher zu Frauen hingezogen fühle, aber mein Kopf und Herz schlagen eher für Männer. Ich war noch nie in eine Frau verliebt, auch keine Schwärmerei. Es ist aber so, dass ich mich häufig von weiblichen Körpern in meiner Umgebung erregt fühle, dass sie bei mir eine körperliche Reaktion hervorrufen und dass ich dann denke, dass eine Berührung in dem Moment durch diese Frau mich zum Explodieren bringen würde. Das sind oft Begegnungen in Situationen, wo ich mich unwohl fühle oder gestresst bin, z. B. beim Einkaufen, beim Kindergarten, der Schule meiner Jungs etc. Wenn ich aus dieser Situation rauskomme, zur Ruhe komme, sind diese Gefühle schnell weg. So habe ich auch überhaupt keine Fantasien mit Frauen und befriedige mich nicht, während ich an Frauen denke und träume auch nachts nicht von Frauen; in erotischen Träumen kommen zu ca. 98 % Männer vor. Ich sehne mich auch nicht nach einer Beziehung zu einer Frau und auch nicht, abgesehen eben in diesen besagten Momenten, nach einer sexuellen Begegnung.

Ich liebe meinen Mann unglaublich. Er ist meine große Liebe. Bei dem ersten Kuss fühlte ich: Jetzt ist alles gut, jetzt bist du endlich angekommen. Mit ihm machte Sex das erste Mal richtig Spaß.

Ich habe, seitdem das mit dem Schwärmen anfing (mit unter zehn oder so?), immer nur für Jungs/Männer geschwärmt: Sänger, Schauspieler, Sportler, Lehrer, später an der Uni Dozenten. Auch meine Verliebtheiten und Lieben galten immer nur Männern. Und dennoch: Tief in mir spürte ich seit der Pubertät eine körperliche Faszination des weiblichen Körpers auf mich, ich fand Frauen dunkler, spannender, geheimnisvoller mit „dem Loch in der Körpermitte“, als die direkte, harte Männlichkeit. Allerdings habe ich meine ersten konkret erotischen Gefühle/körperlichen Reaktionen auf den männlichen Körper, noch nicht einmal mit meinen wenigen damaligen Beziehungen, sondern eher mit Freunden, in die ich nicht verliebt war. Damals stellte ich mir schon die Frage, ob ich nicht lesbisch bin, aber da war nie eine Frau, die mich reizte, weder gefühlsmäßig noch konkret die „Eine“, zu der ich mich körperlich hingezogen gefühlt hätte. Belastet hat mich diese Frage damals aber noch nicht, dachte, das gibt sich schon, wenn ich endlich mal die Liebe treffe.

Mit 19/20 hatte ich dann aber meine erste schwere Krise deswegen, weil ich da seit 2 Jahren keinen Freund gehabt hatte und außer ein paar erotischen Anziehungen zu Freunden auch nichts lief. Mit 21 traf ich dann meine erste große Liebe. Mit ihm hatte ich dann endlich das erste Mal richtig Sex und fand es schön – aber ob es die große Erregung meinerseits war, kann ich gar nicht mehr sagen. Nach dem Mann war ich verrückt und habe gelitten wie ein Hund, als er die Beziehung nach nur 9 Monaten im Sande verlaufen ließ. Ihm habe ich mehr als ein Jahr hinterhergeweint. Mit 23 dann meine zweite große Liebe, von dem ich dachte: Der ist es, ohne ihn wollte ich keinen Tag sein. Mit dem Sex war es aber genauso wie bei meiner ersten großen Liebe. Ich hatte die ganze Zeit keinerlei Gefühle für Frauen mehr gehabt, auch keine Depressionen deswegen, doch nach einem Jahr war da Knall auf Fall dieses lähmende Gefühl der Depression und die Frage: Bin ich nicht lesbisch? wieder da, und komischerweise als Folge, nicht als Auslöser, auch wieder diese Anziehungskraft von Frauen auf meinen Körper. Ich habe von 25 bis 28 eine Therapie deswegen gemacht, die mir half, aber auch keine wirkliche Lösung brachte. Erst als ich meinen Mann kennenlernte, war das Thema vom Tisch: Die Gefühle für Frauen und die Frage, lesbisch zu sein, existierten dann jahrelang nicht mehr. Und dennoch frage ich mich jetzt, ob es nicht auch eher so war, dass es eher die Geborgenheit, die Sehnsucht nach körperlicher Nähe, das Lieben war, das mir den Sex so schön werden ließ. Und im April 2007, Knall auf Fall, überfiel mich wieder die Depression und die Angst, lesbisch zu sein – und erst als Folge davon kamen auch wieder körperliche Gefühle für Frauen. Und haben mich bis heute nicht losgelassen. Das ist jetzt knapp 8 Jahre her. Ich habe jetzt also seit 8 Jahren akut diese Zweifel an meiner sexuellen Identität und leide sehr darunter, mit Depressionen, Panikattacken und Ängsten vor der Zukunft. Ich liebe meinen Mann, will ihn und mich, also uns als Paar und uns als Familie auf keinen Fall verlieren. Ohne ihn geht es nicht, wenn er nicht da ist, geht es mir schlecht, er ist mein Rettungsanker. Er weiß übrigens Bescheid und unterstützt mich.

Ich bin total verwirrt, ratlos, verunsichert, wie blockiert – und diese Fragen erfassen mein ganzes Leben immer mehr. Und das ist eigentlich der Punkt, warum ich so leide, nicht, dass ich Gefühle für weibliche Körper habe, das an sich könnte ich als eine Seite an mir akzeptieren. Aber diese Unsicherheit, was ich wirklich will, diese Frage, ob ich nicht eigentlich das falsche Leben lebe, das quält mich so unglaublich. Es ist so, dass alle Leute da diese Fassade von mir sehen: verheiratet, drei süße Kinder, Mann, guter Beruf, schönes Häuschen – und dass quasi niemand weiß, wie es in mir aussieht. Es ist so, dass dieses Schweigen über diese Seite mich immer mehr erfüllt, es ist ein Brodeln in mir, ich fühle mich oft kurz vor dem Explodieren. Das lähmt mich in meinen sozialen Kontakten, in meinen Gefühlen für meinen Mann, meine Kinder. Ich bin in einer Sackgasse und weiß nicht mehr weiter. Der Druck nimmt immer mehr zu, alle möglichen Auswege scheinen versperrt. Ich fühle mich wie eine Maske, kann nicht mehr offen sein, niemanden (außer meinem Mann) an mich heranlassen, denn wenn mir jemand nahe kommt, stärkt der Druck mich zu offenbaren. Ich habe das Gefühl, ich würde implodieren.

Ich weiß nur, dass ich meine Beziehung und meine Familie nicht aufgeben möchte, aber diese seelische Problematik macht mich so fertig, dass gar nichts mehr geht. Es ist v.a. in Stressphasen so, dass ich unter dieser Seite in mir leide. Oft denke ich tagelang nicht an das Thema, habe keine Gefühle für Frauen, finde meine Angst geradezu absurd, bin wie befreit – und dann kommt die Angst, der Druck, die Panik zurück und macht mich wie gelähmt. Ich schaffe dann kaum noch den Alltag, sehe keinen Ausweg mehr, kann mich nur noch mit äußerster Selbstbeherrschung um die Kinder, den Haushalt, den Job kümmern. Die Erholungspausen werden seltener, kürzer, es geht mir fast nur noch schlecht.

Jetzt frage ich euch – gibt es das, dass man körperlich eher homosexuell fühlt, seelisch/romantisch/herz- und kopfmäßig eher heterosexuell. Ich weiß nicht, ob man das, was ich bin, auch bisexuell nennen kann oder ob ich nicht einfach lesbisch bin und das nur nicht wahrhaben will. In meinen schwärzesten Phasen, so wie jetzt, glaube ich Letzteres. Ach ja, ich habe 2 x „Sex“ mit Frauen ausprobiert, bei einer Tantramassage, die sich jeweils 2 Stunden meinem Körper und meinen intimsten Stellen gewidmet haben, da habe ich nichts empfunden. Ich bin natürlich auch wie blockiert, was den Sex mit meinem Mann angeht. Ich will wollen und begehren – und unter diesen Umständen rührt sich natürlich nichts in mir. Ich frage, bewerte alles, überprüfe jede meiner Reaktionen bezüglich Frauen und Männern. Wie kann ich davon wegkommen? Wirklich, ich liebe meinen Mann, bin ihm auch körperlich gerne nahe, brauche ihn jede Nacht nahe bei mir, aber das Begehren stellt sich unter diesen Umständen nicht wieder ein. Manchmal denke ich, dass das nur Zwangsgedanken sind, gerade homosexuelle Zwangsgedanken kommen bei Jugendlichen oft vor und lassen manchen nie wieder los.

Könnt ihr nachempfinden, was mit mir los ist? Kann Bisexualität auch so sein wie bei mir? Ich denke immer, dass man als Bisexuelle/r beides gleich spüren muss, also das Begehren (körperlich/seelisch) nach Männern und Frauen.

Liebe Grüße, Nureinnick
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