Re:Immer schön lächeln und winken...
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Re:Immer schön lächeln und winken...
Beitrag geschrieben von Thomas am 29.07.2016, 11:24 Uhr
Letzte Änderung: 29.07.2016, 11:31 von Thomas.
von  Thomas
 
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Hallo Chris,

(eigentlich sollte das hier ja nur eine relativ kurze Antwort auf deinen Post werden, aber dann ist mal wieder die Tastatur mit mir durchgegangen ... )

tja, das Problem haben wohl auf die ein oder andere Weise alle Leute, die manchmal ihre eigenen Gehirnzellen benutzen - egal ob sie nun mit einer von der Heteronormativität abweichenden sexuellen Ausrichtung 'geschlagen' oder sonst in irgendeiner Form besonders sind.

Ich zweifle mehr und mehr daran, dass es zwischen verschiedenen Welten überhaupt immer Wege gibt. Mir kommt es eher so vor, als dass man sich die Welten, in denen man sich bewegt, eben danach aussuchen muss, dass sie nahe genug bei einander liegen, so dass das Hin- und Her wechseln nicht gleich all zu viel Kraft erfordert. Oder man probiert, ob man nicht in die verschiedenen Welten Elemente einbauen kann, die den Übergang etwas erleichtern. Das ist wohl am ehesten das, was ich gerade versuche.

Prinzipiell lebt man sein Leben ja, indem man eben in verschiedenen Kontexten jeweils verschiedene Rollen einnimmt. Da gibt es dann z.B. das Elternteil, den/die Partner/in, den/die Kollegen/in, den/die öffentliche Person usw. Und aus diesen verschiedenen Rollen basteln wir uns dann jeder sein eigenes kleines Leben zusammen - möglichst so, dass es nicht zu anstrengend wird (oder nicht zu viel Energie kostet, wie du es nennst).

In die eine Richtung fängt das gerade so langsam zu funktionieren an: Ich habe mir in den letzten 2-3 Jahren eigentlich ein komplett neues soziales Umfeld zugelegt, mit FreundInnen, die entweder ein ähnliches Leben leben wie ich oder eben alles über mich wissen und das auch gut so finden (d.h. es eben gerade nicht bloß 'akzeptieren'). Das ist meine emotionale Stütze, gibt mir Stabilität und unterfüttert mein Ego. Kurz: das ist mein eigentliches, mein richtiges Leben.

Ganz anders sieht es da im beruflichen Umfeld aus: Einerseits bewege ich mich da im Business-Umfeld sowieso immer als halber Schauspieler (wie gesagt: ich kann auch seriös und mit Anzug), andererseits wechselt das ohnehin so etwa jedes Jahr von Grund auf (ich bin ja Freiberufler und immer nur ein paar Monate in einer Firma). Und da drücke ich mich eben davor, klar Farbe zu bekennen. Ich bin mir zwar recht sicher, dass meine sexuelle Ausrichtung im Arbeitsalltag völlig irrelevant ist (in meiner aktuellen Firma gibt es sogar eine Transfrau), aber ich lasse eben alle in dem Glauben, dass ich 'normal' bin - es kommen dann auch regelmäßig Fragen nach Frau oder Lebensgefährtin.
Das ist jetzt alles kein Drama, macht mich aber doch latent unzufrieden. Ich habe nicht vor, mich da irgendwie zu 'outen' [1] oder so was. Ich denke eher, dass sich das dann irgendwann von selbst erledigt hat. Der momentane Zustand ärgert mich zwar insgesamt ab und zu mal ein bisschen, ist jetzt aber beileibe nicht meine größte Sorge...

Das wirkliche Problem habe ich im 'familiären' Umfeld (meine 'Familie' besteht aus einer Adoptivmutter, die ich ungefähr zweimal im Jahr sehe und mit der ich ansonsten einmal in der Woche telefoniere). Da stammt das Weltbild noch aus den 60er Jahren und ist auch sonst ziemlich fernab jeglicher Realität. Meine Mutter glaubt z.B. immer noch felsenfest daran, dass ich einmal eine weiße Braut heiraten werde, kirchlich, mit allem Pomp - obwohl ich schon vor 30 Jahren aus der Kirche ausgetreten bin und seit etwa 20 Jahren nichts mehr hatte, was auch nur entfernt wie eine traditionelle Mann/Frau - Beziehung ausgesehen hat .
Und was mich da noch erwartet, kann ich eben überhaupt nicht einschätzen - ich halte von Selbstmordversuchen über Was habe ich bloß falsch gemacht ? bis zu Ich liebe dich trotzdem [2] alles für möglich, und davor graut mir. Trotzdem werde ich dieses Gespräch demnächst führen müssen, sonst zerreißt es mich einfach irgendwann...

Alle drei Rollen sind im Prinzip in Ordnung für mich, und ich habe eigentlich nicht vor, an irgendeiner davon groß etwas zu ändern. Nur lebe ich sie im Moment so, dass ich eben einen bestimmten Aspekt von mir bewusst verschweige oder doch nicht zur Sprache bringe, und das fühlt sich eben nicht richtig an, und ich habe nicht wirklich das Gefühl, dass das alles zusammen gehört.

Und ja, das geht mir auch so: eine gewisse Ordnung, ein paar Orientierungspunkte, braucht man einfach, selbst wenn diese manchmal diskussionswürdig sein mögen. Aber ohne wäre dieses ganze Tohuwabohu manchmal nicht auszuhalten. Ab und zu ist es eben auch ganz wohltuend, einfach nur zu funktionieren und über nichts nachdenken zu müssen.

Das Gefühl, nirgends so richtig dazu zu gehören, kenne ich auch zur Genüge. Da hilft am Ende nur, sich ein anderes, passenderes 'dazu' zu suchen - bei mir hat das fast fünf Jahrzehnte gedauert, bis es mal angefangen hat, sich halbwegs richtig anzufühlen; ein bisschen mehr Luftikus hätte mir da sicherlich geholfen . Ich wünsche dir jedenfalls, dass es bei dir nicht ganz so lange dauert - immerhin siehst du ja schon mal ziemlich genau, dass dein aktuelles Umfeld dir nicht wirklich guttut.

Ach ja, ein Satz von dir hat mich noch angesprungen:
Wäre aber sehr an Weisheit interessiert, was diese Thema betrifft!

Weisheit? Geht's nicht auch eine Nummer kleiner? Es ehrt mich zwar, dass du mir das anscheinend zutraust, aber ich fühle mich für so große Dinge gar nicht zuständig. Ich habe alle Hände voll damit zu tun, mein kleines Leben zu leben und kann mich um so was nicht auch noch kümmern . An anderer Stelle habe ich es mal so formuliert:
My body is approaching its 50th anniversary, while my mind consistently struggles to see itself as an adult person. Or, to put it another way: I'm still busy collecting all the questions - I don't think I will ever come to think about the answers.
Und vor gut 2000 Jahren hat mal einer gesagt: Ich weiß, dass ich nicht weiß. [3]

- Thomas

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1
Ich finde das Wort schon furchtbar, und das dahinterliegende Konzept erst recht.
2
Was ja auch schon eine herablassende, beleidigende und erniedrigende Aussage ist. Aber die Diskussion werde ich bestimmt nicht führen.
3
Das zusätzliche „-s“ an „nicht“ ist übrigens ein Übersetzungsfehler, der den eigentlichen Sinn der Aussage entstellt.
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  1. Thomas, 18.07.2016, 12:14

    Hallo alle, es wird mal wieder Zeit, die Buchstabensuppe umzurühren. So ein paar Male im Jahr habe ich einfach das drängende Bedürfnis, einen längeren und halbwegs strukturierten Text zu produzieren, zur Standortbestimmung und weil es mich einfach manchmal in den Fingern juckt. Und da ...
    1. Besucher_in, 19.07.2016, 23:36
      1. Thomas, 20.07.2016, 09:33
        1. Besucher_in, 20.07.2016, 22:11
    2. EinzigEine, 26.07.2016, 17:52
    3. ChrisG, 27.07.2016, 22:51
      1. Re:Immer schön lächeln und winken...
        Thomas, 29.07.2016, 11:24
        1. ChrisG, 06.08.2016, 00:40
    4. BluestBlueEver, 05.08.2016, 13:35
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