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Re:Finden der eigenen Identität
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Beitrag geschrieben von regulator am 05.09.2017, 22:30 Uhr
von  regulator
 
Fake- Check: Die FV LLL'ler können dies bisher nicht ausschließen.
 


Hallo Leo,

danke, dass du meinen Beitrag auch kommentiert hast. Es ist immer wieder schön, von anderen zu hören, die einen verstehen können.

Vor ein paar Jahren hatte ich auch einen unglaublichen Hass auf mein Leben, auf meine Entscheidungen in der Vergangenheit und auf mich selbst. Ich wusste meine sexuellen Interessen nicht einzuordnen, hatte keine sexuellen Erfahrungen, keine Beziehung, keine echten Freunde und dazu ein miserables Selbstwertgefühl. (Das klingt jetzt ziemlich krass, merke ich gerade. Gibt aber eigentlich wenig daran zu beschönigen.)

Ich erkenne mich hier in vielen Punkten wieder. Ja, den Hass auf mein Leben, auf meine Entscheidungen etc. kenne ich und auch meine sexuellen Interessen weiß ich selbst auch nicht einzuordnen. Also wüsste ich sie einzuordnen, dann könnte ich ja viel mehr daran arbeiten sie zu akzeptieren. Oft frage ich mich im Moment: Bin ich eigentlich wirklich bi? Wer oder was bin ich überhaupt? Wie du zum damaligen Zeitpunkt habe ich auch keine sexuellen Erfahrungen und keine Beziehung. Mein Selbstwertgefühl ist auch bei unter 0. Aber ein Punkt ist zum Glück maßgeblich anders: Ich kann glücklicherweise sagen, dass ich echt tolle Freunde habe. Und damit meine ich richtige, "echte" Freunde, mit denen ich auch über das sprechen kann, was mich bedrückt. Meine allerbeste Freundin (die mich übrigens auch als ihren besten Freund bezeichnet) ist für mich so was wie eine Schwester. Mit ihr kann ich wirklich über alles reden. Ich habe auch noch weitere Freunde, mit denen ich mich wirklich gut austauschen kann, auch was meine psychischen Schwierigkeiten angeht. Und das ist auch eine der wenigen Sachen, die ich an meinem Leben schätze. So gute und enge Freunde wie ich sie habe, hat nicht jeder. Das ist eigentlich komisch, weil ich eigentlich ganz genauso wie du Schwierigkeiten habe, mich gefühlstechnisch jemand anderem gegenüber zu öffnen. Auf der Ebene einer Beziehung funktioniert das bei mir nicht, aber auf tiefer freundschaftlicher Ebene schon. Sogar ziemlich gut.

Und inzwischen bin ich froh um diese Seiten an mir. Wenn ich sie nicht hätte, wäre ich ja wie die anderen. 99% ist Einstellungssache. Es passiert nur in deinem Kopf.

Ich finde es toll, dass du gelernt hast, diese Seiten an dir zu akzeptieren. Es macht mir Mut, dass das tatsächlich möglich ist. Bis jetzt scheint es mir noch so, dass es ein ganz schwerer Weg ist, bis man sich selbst annehmen lernen kann. Aber es funktioniert wohl wirklich. Wie recht du hast, was das Thema Einstellungssache angeht! Ich ärgere mich ziemlich oft, weil ich weiß, dass ich meine Depression quasi selbst erschaffe und dass ich aufgrund meiner positiven Lebensumstände eigentlich auch glücklich sein könnte, wenn es mir denn gelingen würde. Aber irgendwie sehe ich noch keinen Ausweg daraus. Aber das wichtigste ist es, am Ball zu bleiben und weiterzumachen. Und das tue ich vor allem in meiner Therapie, die mir wirklich sehr gut tut. Vor allem, weil ich dort den Fragen auf den Grund gehe, warum ich mich gefühlstechnisch nicht für eine Beziehung öffnen kann und warum ich diese Schwierigkeiten der Selbstakzeptanz habe.

Ohne die Erfahrung kann man letztendlich nicht sicher wissen, was man ist. Wenn man nicht weiß, was man ist (und nicht geoutet ist), ist es jedoch schwierig, diese Erfahrung zu machen.

Auch das finde ich wirklich super, wie du es geschrieben hast, weil es mir wirklich haargenau so geht. Faszinierend! Ja, in der Tat habe ich genau das Problem, dass ich persönlich das Gefühl habe, dass ich noch nicht mal weiß, ob ich wirklich bi bin, weil sich alles bei mir nur in der Phantasie abspielt. Und gleichzeitig hindert mich mein ungeouteter Zustand daran, es wirklich 100%-ig zuzulassen. Ein Outing wäre nämlich auch so was wie ein weiterer Schritt der Selbstakzeptanz. Allerdings habe ich neulich bei meinem Vater zum Glück das richtige zur richtigen Zeit sagen können. Ich habe mich mit ihm über alle möglichen Dinge des Lebens unterhalten und habe dabei so ganz lapidar gesagt, dass ich eben auch noch die Frage meiner sexuellen Identität klären muss. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich bi bin oder auch Männer interessant finde - ich habe einfach nur gesagt, dass ich mich im Moment eben frage, zu welcher Seite ich mich mehr hingezogen fühle und dass ich mir diese Frage vermutlich deswegen stelle, weil ich mich eben jetzt erstmalig wirklich mit meiner Sexualität auseinandersetze. Eigentlich ist das ja auch genau die Wahrheit. Ob ich wirklich bi bin, weiß ich ja noch nicht mal. Ich hätte erwartet, dass er darauf komisch reagieren würde, aber seine Reaktion war wirklich völlig unspektakulär. Er meinte nur "Das ist doch ganz normal, dass man sich diese Frage im Zuge seines sexuellen Erwachens stellt. Es ist sicher eine Gradwanderung, wenn man sich damit wirklich auseinandersetzt". Eigentlich war das ja kein wirkliches Outing meinerseits, aber zumindest weiß ich jetzt, dass ich auf keinen Fall Probleme mit meinen Eltern kriegen würde, wenn ich tatsächlich etwas mit einem Mann haben sollte. Trotzdem ist meine Selbstakzeptanz noch nicht so recht fortgeschritten. Dass du es als Henne-Ei-Problem bezeichnet hast, finde ich sehr treffend!

Bei mir kamen zur richtigen Zeit die richtigen Menschen ins Leben, sodass ich diese Erfahrung machen konnte. Ich bin sicher, bei dir wird das auch so sein! Du musst nur offen dafür sein und Geduld haben

Danke, ich werde mir Mühe geben, nicht zu verzagen. Vielleicht wird es ja wirklich noch was, bevor ich die 30 erreiche.

Die Frage ist, warum DU willst, dass andere es wissen. Weil diese sich Sorgen machen? Würde ich nicht tun. Weil du mit ihnen darüber sprechen möchtest? Schon eher. Bekannte, Kollegen, etc. geht das nichts an. Mit denen würdest du ja auch nicht drüber sprechen, auf welches Mädel du gerade stehts, oder (um mal im heteronormativen Bild zu bleiben)?

Dazu habe ich ja weiter oben schon was geschrieben. Mein Vater hat es wie gesagt völlig unspektakulär aufgenommen und da ich mich ja in dem Sinne nicht wirklich geoutet habe, sondern einfach nur gesagt habe, dass ich meine sexuelle Identität eben noch suche, habe ich mir auch kein Label aufgedrückt, das ich später bereuen würde. Es ist eine gute Frage, warum ich will, dass andere es wissen. Vermutlich liegt es daran, dass ich so wenig Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl und Selbstakzeptanz habe, dass ich sie daraus beziehe, dass mich andere Menschen (vor allem meine Eltern) akzeptieren und mir genau das geben, was ich mir selbst nicht geben kann. Insofern muss ich selbstverständlich an mir selbst genau an dieser Stelle arbeiten, dass ich mir selbst eben mehr Akzeptanz und Liebe entgegenbringen kann. Dann bin ich im Kopf auch freier, um etwas auszuprobieren. Dennoch habe ich auch hier das Henne-Ei-Problem: Mich selbst mehr auszuprobieren, würde bedeuten, dass ich mich bewusst über die Sperren in meinem Kopf hinwegsetze. Aber genau diese Sperren werden größer, wenn ich etwas (vor allem im sexuellen Sinne) ausprobiere, ohne dass ich in dem, was ich tue, von anderen akzeptiert bin.

Aber danke wie gesagt für deinen Beitrag, ich fand es wirklich interessant, deine Gedanken zu diesem Thema zu lesen.

Liebe Grüße
Regulator
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