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Ich blase Trübsal, und die Trübsal bläst zurück...
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Beitrag geschrieben von Thomas am 17.08.2015, 12:24 Uhr
von  Thomas
 
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Jetzt sitz' ich hier, ich armer Tor - und kann gar nichts:
Bin hier gerade am Schreibtisch (Schreibtisch, weil das momentan der Ort in meiner Hütte ist, der noch am aufgeräumtesten ist.) und weiß nicht, was anfangen. Und während ich das nicht weiß, klebe ich so langsam an meinem höhenverstellbaren Chefsessel fest, und der Sessel ist eigentlich ein schwarzes Loch...

Etwas prosaischer: Am Freitag war der letzte Tag in meinem bis dahin laufenden Projekt, und jetzt habe ich erstmal bergeweise Freizeit vor mir. Schon klar, das klingt erst mal nicht so, als ob man darüber in Depressionen verfallen müsste, aber ich brauche dann doch immer ein paar Tage, bis ich mich berappelt habe und mir das klar wird. Momentan hänge ich jedenfalls ziemlich in den Seilen...

Was hauptsächlich daran liegt, dass in dem Moment, in dem berufliche Alltagsbelange (die einen dann ja doch fast zehn Stunden am Tag beschäftigt halten) erst mal keine Rolle mehr spielen, dann halt andere Themen ziemlich nachdrücklich nach Aufmerksamkeit verlangen - und die sind bei mir nun mal ziemlich finster. Dazu kommt, dass der gewohnte Tagesablauf einfach nicht mehr da ist, und man sich erst mal komplett neu orientieren muss. Was dieses Mal dann auch noch besonders heftig ist, weil ich seit Frühjahr ziemlich hoch gedreht und von fünf Uhr am Morgen bis zehn am Abend Programm gemacht habe. - Beileibe nicht immer nur Arbeit, das ist nicht das Problem. Aber wenn man relativ fixe Arbeitszeiten hat, dann gruppiert sich das meiste andere automatisch drum 'rum; und Motivation ist eigentlich kein Thema, man funktioniert einfach und genießt ansonsten die Freiräume, die man sich geschaffen hat. Zum Nachdenken kommt man jedenfalls nicht wirklich, zumindest nicht über Grundsätzliches.

Letzten Winter dachte ich noch, dass das hier wohl mein letzter Sommer ohne Rollstuhl werden würde. Inzwischen sieht es aber eher so aus, als ob ich auch noch den nächsten mitnehmen könnte - und mit viel Glück vielleicht sogar noch den übernächsten. (Das ist jetzt aber schon eine sehr gewagte Prognose, ungefähr so verlässlich wie das Horoskop aus einem Regenbogen-Blatt .) Aber wirklich sicher sein kann ich mir nie, weshalb ich mir auch abgewöhnt habe, länger als 1-2 Wochen voraus zu planen, wenn es nicht sein muss. MS ist nun mal eine Wundertüte - auch wenn die Form der MS, die ich habe, noch relativ 'stabil' verläuft und auch keine Schübe auftreten.

Was mich gerade so überhaupt nicht in Ruhe lässt, ist meine Wohnsituation: Ich wohne (noch) in einer Altbauwohnung, die eigentlich viel zu groß für mich ist, und z. Zt. wurstele ich mich mit Reinigung und Putzfrau noch gerade so eben durch. Aber eigentlich geht das alles schon gar nicht mehr, und es wäre dringend so etwas wie betreutes Wohnen oder doch zumindest eine wesentlich kleinere und dann halt auch rollstuhlgerechte Wohnung angesagt. Natürlich würde das mein Leben wesentlich einfacher machen, aber das ist dann halt auch wieder ein Riesenschritt weg von der Normalität und hin zum Pflegefall - und dagegen wehrt sich alles in mir mit Händen und Füßen, und zur Not auch mit allen anderen verfügbaren Körperteilen. Abgesehen davon: 'Einfach' war noch nie mein Ding (außer bei Software) . Momentan kann ich jedenfalls immer noch ein bisschen so tun, als ob eigentlich alles ganz normal wäre...

Dabei hilft auch, dass es mir körperlich eigentlich ziemlich prächtig geht im Moment. - Okay, Gehen/Gleichgewicht ist so gar nicht mein Ding, und ich komme mit Gehstock angewackelt, aber sonst bin ich eigentlich ein enervierend mustergültiges Beispiel für Gesundheit und Fitness. - Das hat aber auch immer einen ziemlich bitteren Nachgeschmack, weil das eben ein sehr kurzlebiger und zerbrechlicher Zustand ist. Es kostet es mich immer mehr Mühe und Zeit, ihn aufrecht zu erhalten. Und die Gewissheit, am Ende keine Chance dagegen zu haben, dass dein Körper nun mal einfach vergammelt, macht nicht gerade Mut. An manchen Tagen macht es einen nur unendlich müde, und heute ist so ein Tag.

Dazu kommt dann auch noch, dass ich während meiner Studi-Zeit in der ISB war und dort eben hauptsächlich MS-Leute betreut habe - bis hin zur Sterbebegleitung. Ich weiß also ziemlich genau, was die nächsten Jahre noch so alles auf mich zukommen wird. Und, naja, was soll ich sagen: Lustig ist was anderes...

Sorry, wenn ich hier gerade etwas Weltuntergangstimmung verbreite. Das ist normalerweise nicht meine Art - schlicht und ergreifend, weil es niemandem weiterhilft. Und es geht mir beim besten Willen auch nicht darum, irgendwie bemitleidet zu werden oder so. Ich muss nur einfach gerade meine Gedanken sortiert bekommen. Und das geht am Besten, wenn ich sie in eine Form bringe, die auch Anderen (hoffentlich) verständlich ist...

- Thomas
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Thomas 17.08.2015, 12:24
   
Fen 17.08.2015, 15:09
   
helmut 17.08.2015, 18:31
   
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Lilly1971 17.08.2015, 19:31
   
Thomas 17.08.2015, 20:12
   
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Thomas 30.08.2015, 19:41
   
EinzigEine 31.08.2015, 04:26
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