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Abtreibung und Moral
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Abtreibung und Moral
Beitrag geschrieben von Mac am 22.06.2013, 02:37 Uhr
Letzte Änderung: 03.09.2013, 18:33 von Mac.
von  Mac
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Ich habe mir viel Zeit gelassen, um zum Thema Schwangerschaftsabbruch / Abtreibung meine Meinung abzugeben. Einmal, um mich zum Thema schlau zu machen, zum anderen, um intensiv über die bereits vorhandenen Antworten nachdenken zu können.

Als die Nachfrage zum Einstellen des Demo- Aufrufs kam, war mir sofort klar, daß es elendige Diskussionen nach sich ziehen könnte. Auch mir stößt es sehr sauer auf, wenn sich eine Religion zum Moralapostel aufspielt und sich dann auch noch als Mehrheit verkaufen möchte. Allein schon deswegen würde ich beinahe jede Demonstration, egal wogegen, unterstützen. Erst recht, wenn es so eine beratungsresistente Religion ist, wie diese. Nur, um das gleich von Anfang an klarzustellen.
Bei manchen Antworten mußte ich dann aber doch mit dem Kopf schütteln. Etwas mehr Objektivität und weniger Emotionalität würden der Diskussion vielleicht gut tun. Manchmal hilft es auch, einfach 24 Stunden zu warten und sich seine Antwort in der Zeit genau zu überlegen, bevor man antwortet, statt unmittelbar zurück zu treten. Dann entstehen auch nicht diese Eindrücke von Dogmatismus.

Beim Thema Abtreibung von Mord zu sprechen ist - selbst wenn Abtreibung illegal wäre - der falsche Begriff, einfach nur populistisch und wird wohl deshalb nur zu gern von Abtreibungsgegnern verwendet. Dem Andersdenkenden gleich mal einen möglichst negativen Stempel auf die Stirn drücken.
Mit dem Begriff Mord wird im deutschen Strafrecht eine besonders verwerfliche Art der vorsätzlichen Tötung bezeichnet.
... Nach deutschem Strafrecht ist ein Mörder, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet ...
Quelle: http://de.wiktionary.org/wiki/Mord
Das hieße übersetzt, man vollzieht nur deshalb den Beischlaf, um dabei ein Kind zu zeugen, damit man es anschließend abtreiben kann.
Ich möchte mal bezweifeln, daß es solch kranke Menschen gibt. Im guten Glauben an die Menschheit.
Womit dann auch gleich eine Frage von Matthias beantwortet wäre.
... weshalb Abtreibung kein Mord ist ...
Selbst zu Zeiten, als Abtreibung noch völlig illegal war, wurde von Kindstötung und nicht von Kindsmord gesprochen. Und dieser Begriff bezog sich dann für gewöhnlich auf die Tötung während, oder unmittelbar nach der Geburt.

Woran macht man fest, was Leben ist und was nicht? Oder anders gefragt: Wann beginnt ein Mensch ein Mensch zu sein? Ab wann beginnen dessen Grundrechte?
Bin ich ein millionenfacher Mörder, wenn ich onaniere? In diesem Fall wäre ich definitiv ein Mörder, da ich mich schon vorher entschieden habe, den „Kleinen“ den direkten Ausgang zu zeigen.
Begeht eine Frau jeden Monat auf’s Neue einen Totschlag, weil ihr Körper eine ungenutzte Eizelle abstößt?
Sind Eizellen oder Spermien kein Leben, weil sie allein nicht lebensfähig wären? Sie sind der Grundstein unseres Nachwuchses. Warum sind dann Menschen, die ohne fremde Hilfe nicht überleben würden, schützenswertes Leben? Weil sie wie Menschen aussehen?
Wo beginnt unser Leben? Ab wann ist Leben Leben? Und ab wann beginnt dessen Würde?

Das Leben endet nach juristischer Meinung mit dem Eintritt des Hirntods, also dem Erlöschen jeglicher Aktivitäten des Gehirns, unabhängig davon, ob andere Körperfunktionen aufrecht erhalten werden können. Warum sollte es dann nicht auch erst ab dem Zeitpunkt beginnen, ab dem Hirnaktivitäten auftreten?
... 9.-16. Woche: Erste Bewegungen des Fötus, was auf Wahrnehmung von Umgebung und des eigenen Körpers hindeutet. Die Bewegungen sind reflexartig, da noch keine Verbindung zum Gehirn besteht. Etwa bis zur 18. Woche entsteht ein zentrales Nervensystem, bei dem das Gehirn mit den meisten Teilen des Körpers verbunden ist ...
Oder wenn der Fötus beginnt, wie ein Mensch auszusehen?
... 12. Woche: Der Fötus hat eine menschliche Gestalt. Sichere optische Bestimmung des Geschlechts ...
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Fetus#Entwicklung_des_F.C3.B6tus
Juristisch beginnt das Leben erst mit der Geburt.

Woran macht man fest, ab wann es Töten ist und wann nicht?
Begeht eine Frau Totschlag, wenn sie eine Fehlgeburt erleidet? Begeht sie keinen, weil sie ja dafür nichts kann?
Muß jede Fehlgeburt mit Würde begraben werden? Selbst dann, wenn die Frau es gar nicht bemerkt hat, daß sie schwanger war?
Was ist es, wenn Ungeborene abgetrieben werden, um das Leben oder die Gesundheit der Schwangeren zu schützen? Beihilfe zur Tötung des Kindes? Wenn nichts unternommen wird, Mord an der Frau? Wer darf eine Entscheidung treffen? Der Arzt, die Frau, ein Gericht, das ungeborene Kind?
Ist ein Schwangerschaftsabbruch dann besser, wenn alle Schutzmechanismen, wie z.B. Verhütungsmittel, versagt haben? Ist die Verwendung von Verhütungsmitteln schon versuchte Tötung?

Es gibt keine klaren Grenzen zu diesem Thema, kein einzig Richtig oder Falsch. Es gibt aber die Möglichkeit eine Wahl zu treffen. Die Wahl, mit welchen Gedanken eine Frau oder / und das Kind den Rest ihres Lebens klarkommen müssen.
... Mütter ungewollter Kinder haben nach einer Studie zu diesen oft von negativen Emotionen geprägte Beziehungen. Ungewollte Kinder werden häufiger geschlagen und ihre Eltern verbringen weniger Zeit mit ihnen. Dies beeinträchtigt die Persönlichkeitsentwicklung der Kinder und deren Schulleistungen. Noch im Erwachsenenalter zeigen sich die Einflüsse auf die seelische Gesundheit, das Berufsleben und das Eheleben der ungewollten Kinder ...
Jennifer S. Barber u.a.: Unwanted Childbearing, Health, and Mother-Child Relationships. In: Journal of Health and Social Behavior, Bd. 40 (1999), Heft 3, S. 231-257
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Psychische_Folgen_ungewollter_Mutterschaft
Abtreibungen verhindern keine unfähigen oder brutalen Eltern. Sie verhindern aber in einigen Fällen, daß die Unfähigkeit und Brutalität ans Tageslicht kommt und dadurch Kinder leiden müssen.
Ist es wirklich humaner, Kinder in der Obhut von nicht liebenden Eltern groß werden zu lassen? Vielleicht noch wie in Indien, wo Mädchen den Vornamen „ungewollt“ bekommen dürfen?
Ist es wirklich humaner, Menschen auf die Welt zu bringen, die den Rest des Lebens nach ihren Eltern und ihrer Herkunft suchen, weil sie in einer Babyklappe abgelegt oder zur Adoption freigegeben wurden?
Ich habe einige Menschen kennenlernen dürfen, die auf der Suche nach ihrer Herkunft dem Alkohol und ähnlich „netten“ Dingen verfallen sind. Geplagt von Selbstzweifeln. Manche auch erst nach dem Finden ihrer Herkunft und den dabei ebenfalls gefundenen Antworten.
Ist es wirklich humaner, Frauen mit Kindern einer Vergewaltigung leben lassen zu müssen, weil sie sich bei der Geburt nicht von ihrem Baby trennen können, statt ihnen vorher die Wahl zu lassen, nicht in diese Zwickmühle geraten zu müssen? Bei jedem Anblick an die erlittene Qual erinnert zu werden. Wäre eine Abtreibung in dem Fall keine Tötung, weil sie gezwungen wurde, schwanger zu werden?
Ist es wirklich humaner, Mütter - und damit auch ihre Kinder - in das soziale Abseits zu stellen, weil sie sich ein Kind eigentlich gar nicht leisten konnten und Papi sich vielleicht auch noch abgesetzt hat?
Laut Studien verbraucht jedes Kind, bis zum erreichen des 18. Lebensjahres, im Durchschnitt 117.000,- Euro (Stand: 03/2013). Das macht im Durchschnitt 542,- Euro pro Monat.
Ist es wirklich humaner, Frauen (wieder) in die Illegalität zu treiben, weil sie mit der Regelung nicht leben können / wollen?
Ist es nicht eher humaner, jeder Frau eine begrenzte Wahl zu lassen und dem Kind keine Moralvorstellungen aufzuzwingen, zu einem Zeitpunkt, als es dazu noch nichts hätte sagen können?
Womit dann vielleicht auch eine weitere Frage von Matthias beantwortet wäre.
… weshalb Abtreibung eigentlich ein Frauenrecht sein soll …

Der Staat hat nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht bei Themen, bei denen ein dicker Riß durch die Gesellschaft geht, einen Kompromiß zu finden. Ich halte ihn für gut gewählt. Die meisten, vom Körper selbst ausgelösten Schwangerschaftsabbrüche (Fehlgeburten) finden bis zur 12 Woche statt.
... In den ersten drei Monaten der Schwangerschaft ist das Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden, relativ groß. Schätzungsweise ein Viertel aller Schwangerschaften enden in den ersten zwölf Wochen (Frühabort). Es wird davon ausgegangen, daß bis zu 50 % der sich in der Gebärmutter einnistenden Eizellen als Frühabort enden. Diese Fehlgeburt wird als verspätete Monatsblutung angesehen und bleibt meist unbemerkt. ...
Thomas W. Sadler: Medizinische Embryologie. Die normale menschliche Entwicklung und ihre Fehlbildungen. 10. Auflage. Thieme, 2003, S. 39.
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Schwangerschaft
Der Staat eröffnet mit dem gewähltem Kompromiß, beiden Meinungen eine Wahlmöglichkeit ohne der anderen eine Moralvorstellung aufzuzwingen.
Gesetz zur Vermeidung und Bewältigung von Schwangerschaftskonflikten
§ 12 Weigerung
(1) Niemand ist verpflichtet, an einem Schwangerschaftsabbruch mitzuwirken.

Egal, für welche Position eine Frau sich entscheidet, sie muß diese Entscheidung den Rest ihres Lebens vor sich selbst und Anderen vertreten. Kein Mann, kein Staat, keine Moral und schon gar keine Religion, können ihr diese Entscheidung, und die damit verbundenen Gedanken oder Konflikte, abnehmen.
... Die Entscheidung für den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft ist für einen Teil der Frauen mit Gewissenskonflikten unterschiedlichen Ausmaßes verbunden. Die meisten Frauen berichten jedoch unmittelbar nach dem Abbruch über ein Gefühl der Erleichterung ...
Marina Knopf, Elfie Mayer und Elsbeth Meyer: Traurig und befreit zugleich. Psychische Folgen des Schwangerschaftsabbruchs. Rowohlt, 1995
Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Abtreibung#Psychische_Folgen

Matthias schrieb
... die Tatsache, dass Abtreibung gesellschaftlich akzeptiert ist, bedeutet nicht, dass sie moralisch gerechtfertigt ist ...
(Bi-Forum: Re:Gegendemo)
Als Beispiel eine Gesellschaft aus ganz vergangen Tagen zu bemühen, ist genauso albern, wie ein sehr altes Märchenbuch zu zitieren.
Wer legt fest, was moralisch in Ordnung ist und was nicht? Wenn mich nicht alles täuscht, fällt dieser Part der aktuell lebenden Gesellschaft zu. Heißt also: Wenn Abtreibung gesellschaftlich akzeptiert ist, dann ist sie auch moralisch genehmigt. Vor wem muß ich meine Moral denn rechtfertigen, wenn nicht vor der Gesellschaft. Und die Gesellschaft gestattet mir auch die Möglichkeit, meine Moralvorstellungen meiner Zeit anzupassen.
Ich würde eher behaupten, daß die Moral der Gesellschaft im Punkt Abtreibung sehr gespalten ist.

Ob
... Abtreibung wirklich "gut" ist ...
wird also jeder für sich beurteilen müssen. Ich denke, alle die, die sich in einer (vermeintlichen) Notlage befinden, und für die Abtreibung ein Ausweg ist, werden erleichtert sein, daß sie diesen Weg gehen dürfen.

Was die Begriffe „Gebärmutterträgerinnen“ und „Gebärmutterträger“ angeht, so kann ich dazu nur sagen, es hört sich wirklich etwas „übel“ an, ist aber politisch korrekt. Es gibt auch Trans- Männer mit Gebärmutter. Allerdings denke ich bei den beiden Begriffen mehr an eine Einkaufstasche mit Gebärmutter. Sozusagen ein Mitbringsel der Evolution.
Manchmal ist „politisch korrekt“ eben nicht wirklich korrekt.

Vielen Dank an alle, die sich bis hierher durchgelesen haben. Ich habe meinen Stichpunktzettel schon sehr zusammengestrichen. Aber manche Dinge mußten einfach mit rein.


Bye Mac
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